Gruselige Halloween-Putzaktion

Die letzten beiden Tage haben wir durchgehend geputzt und versucht, diese Wohnung halbwegs sauber zu bekommen. Die hinterlassenen Möbel waren voller Staub und Katzenhaare, also habe ich mir ein Eimerchen geschnappt und den späteren Küchentisch mit so vielen Schichten Fettlöser behandelt, bis sich nicht nur die klebrige Oberfläche, sondern auch die Lackierung aufgelöst hatte. Währenddessen kam die Katze der Vermieter immer wieder vorbei, spielte mit dem Klebeband oder der Zeitung und entsorgte sich am Ende selbst im blauen Sack. Rausscheuchen nutzte nicht viel, schließlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Eingangstür, die man hätte verschließen können. Die Wände waren so verkratzt und dreckig, dass ich mehr als froh war, dass mein Dad zwei Eimer Farbe dabei hatte. Und nach mehreren Schichten Alpinaweiß sahen die Räume schon deutlich freundlicher aus und es fällt jetzt nur noch bei sehr genauer Betrachtung auf, dass an manchen Stellen die Rauhfasertapete abgefetzt wurde.

Meine Mutti hat am ersten Tag der Renovierung 6 Stunden im Bad verbracht und alles geschrubbt, während ich meinem Dad beim Abkleben im Wohnzimmer geholfen hab und anschließend die Kommoden im Schlafzimmer ordentlich geputzt habe. Weiter kamen wir leider an diesem Tag nicht und eigentlich hatte ich geplant, abends mit Laura und einer Freundinn einen Trinken zu gehen, schließlich war ja Halloween. Doch am Ende des Tages war ich so erschöpft, dass ich einfach nur Zuhause in meinem Bett schlafen wollte und so fuhr ich mit meinen Eltern nach Hause, wir aßen noch auf halber Strecke bei McDonalds und um neun Uhr lag ich bereits im Bett.

Am nächsten Morgen sind wir dann wieder Hochgefahren und ich habe mich ganz tapfer in der Küche geschlagen. Der Küchenspiegel war super siffig, voll mit Fettpflecken und bappigen Katzenhaaren. Nach mehrfachem einsprühen und einwirken lassen konnte man den Dreck ganz gut entfernen, aber bei jedem drüberwischen fielen mir neue Pflecken auf und es war zum verrückt werden. Am Schlimmsten war die undefinierbare braune Plörre, die hinter dem Vorratsschrank ans Licht kam. Im besten Fall war es gammliges Katzenfutter. Jedenfalls ging ich über meine natürliche Würgegrenze hinaus, um dieses Etwas zu beseitigen. Die Schmerzgrenze meiner Mutter war allerdings höher,  so legte sie sich todesmutig unter den Küchenschrank und wichte die jahrealten Fettfützen vom Boden ab. Ich bekam schon vom zusehen Gänsehaut und wartete eigentlich nur darauf, dass ihr etwas wütend entgegensprung, da wir seine Heimat zerstört hatten. Wie man in drei Jahren so viel versiffen kann, ist mir wirklich ein Rätsel. Dazu fanden wir immer mehr Mängel – die der Sohn eigentlich hätte ausbessern sollen, als Gegenleistung dafür dass er billig in der Wohnung leben durfte. Aber gemacht hat er recht wenig, außer Dreck.

Die Spüle war undicht, ebenso wie der Siffon im Badezimmer, aus dem das Dreckwasser im hohen Bogen spritzte, welches Mutti zuvor ins Waschbecken geschüttet hatte. Als wir dem Vermieter dies erzählten, meinte er, er würde es sofort – wenigstens provisorisch – flicken. Am nächsten Tag musste ich dann lachen als ich sah, dass er das Rohr mit Gaffa Tape geklebt hatte. Toll, so hätte ich als Student das auch gemacht ^^ In der Küche ist keine Abschlussleiste und so fließt das Wasser beim Abspülen nach unten und hinter die Küchenzeile, da wird mein Dad was basteln. Auch fehlt die Dunstabzugshaube, die liegt aber angeblich auf dem Dachboden (dort hat sich bis heute noch niemand hochgetraut, keine Ahnung was uns da so erwartet). Die Fenster waren allesamt grün und nach zwei Tagen Putzen waren wir ganz erstaunt, dass die Grundfarbe eigentlich weiß ist. Auch ist der Abfluss in der Dusche verstopft, da fließt überhaupt nichts ab…und warmes Wasser kommt auch nicht aus der Brause, wie ich beim ersten Duschen kurz nach dem Einzug feststellen musste. Die Fußleisten waren erst nicht vorhanden und wurden dann so schief von meinem Vermieter befestigt – das hätte er sich eigentlich auch ganz sparen können.

Ich weiß nicht wie oft ich an diesen Tagen gesaugt habe, aber es nutzte nichts, überall fanden sich Katzenhaare. Selbst die Kommoden und der Vorratsschrank waren voller Haare, anscheinend waren diese Katzen überall. Die Heizung habe ich ebenfalls abgesaugt, die war von Innen komplett plüschig. Die Glastür erkannte man kaum als solche, so vertatscht war sie. Klopapierhalter gibt es auch keinen, also entweder hängt man die Rolle an den Badezimmerheizkörper (und vergisst es jedes Mal, dafür ist es dann schön warm) oder man stellt die Rolle auf die Klobürste – und sieht zu, wie sich die halbe Rolle selbstständig macht, obwohl man eigentlich nur ein Blatt benötigt.

Entrümpelt haben wir auch noch ein wenig, aber es hielt sich in Grenzen. Die gammlige Couch wurde zum Glück bereits nach unten gebracht und auch der kaputte Kleiderschrank befand sich nicht mehr in der Wohnung, dafür aber noch zwei schmale Regale, die ich gerne behalten habe. Kleinigkeiten wurden entfernt wie die gammlige Kaffemaschine, der siffige Mülleimer oder die Mikrowelle, in der offenbar mal Tomatensauce explodiert ist. Da habe ich mir erst gar keine Mühe gemacht, das zu reinigen, sondern die Sachen sind kommentarlos weggeflogen. Auch der Duschvorhang im Bad war fix ausgetauscht und das Katzenhaarversiffte Kehrset, welches im vorherigen Haushalt im Leben niemand benutzt hat.

Um fünf Uhr wurden wir tatsächlich fertig mit der Putz- und Streichaktion. Zwei Tage lang haben meine Eltern und ich unser bestes gegeben, um die Wohnung sauber zu bekommen und ich bin so dankbar, dass sie sich die Mühe gemacht haben und mich so unterstützten. Alleine hätte ich das nie geschafft ! Jetzt fehlen nur noch die Möbel am Wochenende und dann kann ich endlich einziehen 🙂

Anschließend bin ich noch zu Sarah gefahren und sie hat sich als erstes über ihr heutiges Praktikum in Kaliometrie ausgekotzt. Sie durfte sich mittags Ammoniak über die Hand kippen und bekam keine Luft mehr, aber für Handschuhe ist das Geld scheinbar nicht da und Abzüge gab es nicht genügend. Und ich dachte schon, unsere Hochschule hätte nicht viel Geld gehabt, doch wenigstens waren unsere Praktikas gut vorbereitet und es mangelte nicht an Materialien. Hier bekommt jeder seinen eigenen Rührfisch und zwei Spatel, auf die er während dem gesamten Studium aufpassen muss. Es ist schon alles ein wenig anders als bei uns.

Anschließend habe ich ihr von unserer Putzaktion erzählt und jede Menge gruselige Bilder gezeigt von braunen Steckdosen- und Lichtschalterabdeckungen, dem siffigen Küchenspiegel oder den grünen Fensterrahmen. Das war wirklich eins der schaurigsten Halloweens bisjetzt, und das nichtmal beabsichtigt.

Danach redeten wir noch sehr lange von unseren Projekten und obwohl ich nicht viel verstand, als sie von den untersuchten Tensiden in Kastanienschale redete – ich bewunderte sie einfach, weil sie so viel Leidenschaft für ihr Projekt zeigte und so etwas liebe ich. Ich habe auch sehr viel über meine Arbeit in der Stiftung berichtet, was ich alles durchgeführt habe und mein geliebtes HLA-F. Es ist einfach schön, wenn jemand mit Herz und Seele dabei ist und ich glaube wir beide sind die einzigen in unserem ganzen Studiengang, die sich für ihr Thema begeistern konnten und die Zeit richtig genossen haben, in der man forschen konnte. Irgendwann wurde es dann privater und ich habe von meiner Zeit am Campus erzählt, vor allem von Jenny und davon wie wir im ersten Semester die ganze Zeit zusammen verbracht haben. Als es darum ging zu erklären, warum der Kontakt im zweiten Semester abgebrochen war druckste ich erst ein wenig herum, erzählte ihr aber in wenigen Sätzen die ganze Geschichte. Sie schien nicht verwundert, nickte nur und erzählte dann von ihrem Exfreund, der sie mies behandelt hatte. Auch war er der Ansicht gewesen, wenn sie etwas mit einem Mädel hatte war das kein Fremdgehen – und diesen Freifahrtsschein hatte sie ausgenutzt und in den ersten Semestern eine ziemlich wilde Zeit gehabt. Ihr jetziger Freund akzeptiert Bisexualität allerdings und ihm ist sie treu…schade eigentlich, ich hätte gerne gesehen wie sie in der gay bar auf dem Tisch tanzt und ihren Spaß hat. Doch seit sie mit Thomas zusammen ist ist sie ruhiger geworden und einfach nur glücklich, ihn gefunden zu haben.

Wir saßen noch bis nach Mitternacht auf ihrer Couch und quatschten, das war richtig schön. Sie hat mir auch noch das Bettchen schön hergerichtet, so wie beim letzten Mal als ich ungeplant bei den beiden übernachtet hatte und ich bekam sogar noch eine Wärmflasche gegen meinen Hexenschuss, den ich mir wohl beim Putzen eingefangen hatte. So kuschelte ich mich also in das warme Plymo und die ganzen Kissen, legte mir die Wärmflasche an den Rücken und döste in ihrem Tardisshirt und der viel zu großen Boxershort ein. Dabei war ich wirklich gerührt, wie lieb sie war und wie sehr sie sich kümmerte. Ich bekam sogar meine eigene Zahnbürste und das Wohnzimmer war so liebevoll hergerichtet, das bin ich einfach nicht gewohnt.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker pünktlich um 7 Uhr…und wurde eine knappe halbe Stunde ignoriert. Um halb acht trafen wir beide uns dann beim Zähneputzen im Bad, leicht spät dran. Ursprünglich meinte ich, wir sollten anpeilen um viertel vor Acht das Haus zu verlassen. Da lachte Sarah drüber und meinte, wir brauchen doch keine 45 Minuten zur Uni. Acht reicht locker…joar….ich weiß dass ich immer später aus dem Haus gehe als ich es plane – sie wusste das leider noch nicht. So saßen wir also am Frühstückstisch, sie hatte mir noch ein Teechen gemacht und wir aßen unseren Toast – bis wir irgendwann viel zu spät dran waren. Eigentlich wollten wir noch zum Bäcker und ich wollte uns beiden etwas für mittags kaufen, doch das war alles nicht mehr im Zeitbudget drin. So hechteten wir zum Auto und ich raste zur Uni, trotzdem kamen wir ein paar Minuten zu spät…und mussten uns dann ganz nach hinten quetschen. Als ich anfing zu mosern, dass ich doch noch auf Toilette musste und jetzt saßen wir ganz an der Wand, drehte sich Linda fragend zu uns um und Sarah meinte in einer Lautstärke, dass sich sogar die erste Reihe umdrehte “Na wenigstens hab ich ihr heute morgen Frühstück gemacht !“ In dem Tonfall, in dem Sarah das sagte, musste ich einfach schmunzeln 🙂

Die Übung in IR lief dann auch super und wir haben erfolgreich das Spektrum von Butanol weggebuttert. Manchmal erkannten wir freudig eine NH Gruppe oder ein Halogen und Jenny drehte sich genervt zu uns um und meinte nur trocken “Ihr wisst schon, dass die Summenformel angegeben ist und CxHx lautet ?!“. Ich glaub, sie hält uns für dumm – aber das macht nichts. Wir waren stolz auf jede Aufgabe, die wir hinbekommen haben und ich lernte eine Menge. Am Ende warfen wir mit Begriffen wie OH tongue, NH vampire fangs, in plane scissoring bending oder sp3 Hybridisierung nur so um uns und ich denke, alleine schon durch die gemeinsamen Übungen ist mehr hängen geblieben als wenn ich das Thema stundenlang alleine geübt hätte.

 

Die ersten Wochen an der neuen FH

Jetzt bin ich schon seit drei Wochen in Rheinbach an der Hochschule und schlage mich durch den Einstieg als Masterstudentin, habe aber noch gar nichts darüber berichtet. Das liegt wohl daran, dass ich momentan anderes im Kopf habe – aber nichts desto trotz habe ich mich dazu entschlossen, diesen Weg zu gehen und ich werde mich jetzt hier durchschlagen, egal wie anstrengend es momentan ist. Bereits in den ersten Einführungsveranstaltungen habe ich gemerkt, dass mir grundlegende Basics fehlen und ich eine lange Liste nachzuarbeiten habe. Damit hatte ich in den ersten beiden Wochen natürlich schwer zu schlucken. Jetzt sind wir in Woche drei, ich akzeptiere langsam dass ich recht wenig verstehe und mein Bachelor mich nen Scheiß hierauf vorbereitet hat, aber ich schreibe trotzdem halbwegs motiviert die Skripte ab und bereite mich auf das erste Antestat vor, welches ich bestehen muss, um an dem darauf folgenden Praktikum teilnehmen zu können. Ich habe mich mehr als nur ein Mal gefragt, warum ich mir diesen ganzen Stress und die erneuten Selbstzweifel antue und das Stichwort heißt in diesem Falle wohl einfach Vertrauen. Irgendwann wird sich die Mühe auszahlen und ich starte mir einer guten Grundlage in die Arbeitswelt, zumindest wurde mir dies von meinem Betreuer versichtert und ich glaube ihm in dieser Hinsicht.

Wie gesagt, die Vorlesungen sind sehr anstrengend, weil man ständig das Gefühl vermittelt bekommt, für alle anderen ist das nur Wiederholung und man selbst hat keine Ahnung. Auch wurde ich in der ersten Woche überrannt mit Praktikas und befinde mich nun in fünf verschiedenen Gruppen für gefühlt Labortage, da verliert man schnell den Überblick. Für die anderen scheint dies allerdings normal zu sein, während des Bachelorstudiums gab es wohl noch mehr Praktikas und dieses Semester empfinden sie als recht gemütlich. Während manche also gleich noch zwei Wahlplichtfächer zusätzlich belegen, um im dritten Semester mehr Zeit zu haben, oder sich in einer UmweltAG engagieren, bin ich einfach nur froh, wenn ich überhaupt die vier Fächer bestehe. An zusätzliche Module ist da nicht zu denken ^^

Als Laborpartnerin habe ich mir geschickterweise jemanden gesucht, die Beziehungen mit den höheren Semestern hat, also bekämen wir auf diese Weise bestimmt Unterlagen oder nützliche Protokolle, mal abwarten. Ansonsten konnte ich noch nicht viele Bekanntschaften schließen. Die erste Kneipentour fand an einem Freitag nach der letzten Vorlesung statt und ich musste leider nach Hause fahren, da ich nicht das ganze Wochenende bei meiner Cousine oder bei einer Kommilitonin auf der Couch verbringen wollte und auch den Bierbachelor am darauf folgenden Montag habe ich verpasst, da mir niemand Bescheid gesagt hat. Dafür saß ich in der ersten PC Übung neben einem Mädel namens Sarah und sie hatte genauso wenig Ahnung davon, diesen Graphen im passenden Maßstab zu zeichnen wie ich und da fühlte ich mich gleich in guter Gesellschaft – ich denke, wir werden uns Bestens verstehen 🙂

Auch mit meiner Cousine kam ich von Anfang an sehr gut zurecht. Sie und ihr Freund haben mich gleich zu Beginn herzlich bei ihnen aufgenommen, wir haben zusammen gegessen und dafür, dass mein kleines Cousinchen kocht, übernehme ich freiwillig den Abwasch und helfe ein wenig aus. Auch gehen wir zusammen einkaufen und ich bezahle die Rechnung, um mich ein wenig zu revanchieren. Abends schauen wir zusammen Lucifer beim Essen und bei dem tollen Wetter genießen wir den sonnigen Herbst bei einem Spaziergang im Alfterer Kottenforst (wo sich gefühlt mehr Isländer als Menschen finden lassen, ein Paradies also). Mittwochs habe ich meine Ruhe in der Wohnung und könnte eigentlich den ganzen Tag produktiv sein – wäre da nicht die Katze ! Allgemein ist der kleine freche Kater das einzige, was die perfekte Wohnsituation stört. In meiner ersten Nacht auf “seiner“ Couch benahm er sich so, als ob RedBull in seinem Whiskers gewesen sei und sprang wildgeworden durch die Wohnung und kletterte mit ausgefahrenen Klauen die Stühle hoch. In den folgenden Nächten beruhigte er sich ein wenig – dennoch gab es immer Situationen, in denen ich ihn am liebsten zu den Pfeilgiftfröschen ins Terrarium gesteckt hätte. Als er beispielsweise mitten in der Nacht mit einem Kronkorken auf den Fliesen spielte und mich dabei wachhielt…oder als er eine halbe Stunde später, als ich endlich wieder eingedöst war, ein Brettchen von der Arbeitsplatte stieß. Auch interessiert er sich recht wenig für sein Spielzeug, reißt mir aber liebend gerne das Teelemaß oder den Kulli aus der Hand und spielt damit. Wenigstens habe ich jetzt den Trick entdeckt, ihn mittwochs einfach vor die Tür zu kicken (bzw. geht er freiwillig, sobald ich die Terassentür öffne), so habe ich meine Ruhe. Das ändert leider nichts an der Tatsache, dass ich eine ausgeprägte Allergie gegen ihn habe und mir die Nase zuläuft, sobald er in meiner Nähe ist. Ich glaube er weiß das auch, denn manchmal liegt er provokativ direkt neben mir auf der blauen Decke und kuschelt sich an mich. Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, ihn dann mit meinen schmutzigen Fingern zu streicheln – nur damit er wenige minuten später panisch anfängt, sich überall zu putzen ^^

Joar…wenn man die letzten drei Wochen Revue passieren lässt, sind die spannendsten Dinge außerhalb der Uni geschehen (und werden an dieser Stelle nicht genannt). Ich versuche halt, mich hier zurechtzufinden, nicht direkt in den ersten Wochen schon den Anschluss zu verlieren und hoffe einfach, dass ich mich bald einlebe und das Studium nach ein paar Wochen nicht mehr so unlösbar erscheint.

Nächsten Monat habe ich meine eigene Wohnung, das wird nochmal eine Umstellung werden. Zum Einen kann ich dann richtig ungestört arbeiten und mich voll und ganz auf die Vorlesungen konzentrieren – zum Anderen darf ich nicht vergessen, mich um mich selbst zu kümmern, das habe ich jemandem versprochen ! Also egal wie stressig es wird, essen muss ich auf jeden Fall und wenn etwas sein sollte habe ich in der Heimat jemanden, der sich um mich sorgt und den ich anrufen kann, wenn etwas sein sollte. Es war leichter, als meine Cousine gekocht hat und es wenigstens halbwegs geregelte Zeiten gab, doch ich bekomme das auch alleine hin, davon bin ich überzeugt. Aber schön war es natürlich schon, wenn man vom Freund der Cousine morgens einen Tee gemacht bekommen hat oder wenn einen das Cousinchen zugedeckt hat, als man noch vor der Primetime auf der Couch eingeschlafen ist. Die beiden haben mich sehr herzlich in ihrer Mitte aufgenommen und auch wenn Laura jetzt wieder Klausurenstress hat und der Kater mich manchmal auf die Palme bringt – ich bin gerne hier und es tat mir auf jeden Fall sehr gut, dass ich in den ersten Wochen nicht alleine sein musste sondern die beiden an meiner Seite hatte.

Die letzte Hürde bis zum Abschluss

Heute war es also soweit, der Tag des Kolloquiums. Seitdem ich dieses Datum vor einer Woche festgelegt hatte randalierte mein Magen wieder und essen fiel mir schwer, doch ich kaute tapfer an meinen Pommes und versuchte, mich bei Kräften zu halten. Die beiden Proben mit Wolfgang und Peter liefen sehr gut und auch wenn es auf jeder Folie etwas auszusetzen gab – das war ihrer Aussage nach Kritik auf höchstem Niveau !

So fuhr ich also zum Campus, kam natürlich viel zu früh und viel zu nervös an und bereitete den Raum vor. Ich besorgte einen Kaffeewagen, stellte Wassergläser auf und öffnete die Kekspackung, welche meine Mutti gestern noch besorgt hatte. Der Laptop war schnell mit dem Beamer verbunden, die Folien waren gut lesbar und der Presenter von Jenny erfüllte seinen Zweck. Nun hätte es eigentlich losgehen können – wäre es nicht noch knapp eine halbe Stunde bis zum Beginn der Prüfung gewesen. Wenigstens kam Wolfgang früh, drückte mich ganz fest und machte mir Mut, indem er sagte, dass in einer Stunde alles vorbei sei und dass alles gut wird und mir nichts schlimmes passiert, solange er da ist. Das konnte mich wenigstens ein wenig beruhigen. Um kurz vor Elf kam dann der Prokokollant – und stürzte sich direkt auf die Kekse, sehr sympatischer Kerl. Meine Professorin kam natürlich wieder leicht verspätet und abgehetzt, doch das nahm ich ihr nicht übel. Nachdem auch sie einen Kaffee vor sich stehen hatte und wir ein wenig small talk geführt hatten, konnte es also losgehen. Ich aktivierte die Stopuhr auf meinem Handy, da ich bei den Generalproben Zuhause immer ein paar Minuten zu lange geredet hatte und nun die Zeit nicht mehr einschätzen konnte. Aber es klappte alles gut, ich erzählte laut und deutlich, nicht zu schnell und ohne Versprecher oder Füllwörter. Die Bilder erläuterte ich ausfühlich (erinnerte mich sogar an Kritik in den Proben und ergänzte meine Erklärungen) und zeigte immer wieder verschiedene Punkte mit dem Pointer. Nach knapp 22 Minuten bedankte ich mich mit einem hübschen Bild von den Azoren für die Aufmerksamkeit und war richtig zufrieden mit meiner Leistung. Es lief fast noch besser als in den beiden Proben in der Stiftung, die Nervösität hatte ich recht schnell ablegen können und allgemein fand ich, dass ich gut vorgetragen hatte. Dafür lief die darauf folgende Fragerunde in meinen Augen nicht so gut. Gleich als erstes fragte mich die Professorin, warum ich in meiner Arbeit geschrieben hätte, der MHC läge telomerwärts, wenn er doch nicht im Telomerbereich sei. Ich hatte zwar eine Vermutung, war mir allerdings nicht sicher und somit beantwortete Wolfgang zugleich die erste Frage (dabei hätte ich mich trauen sollen, meine Antwort wäre richtig gewesen !). Die nächste Frage lief leider auch nicht besser, denn wir drehten uns nur im Kreis mit der Vermutung, ob bestimmte Allele gefunden und in die Datenbank eingetragen wurden, die es im realen leben gar nicht gibt und die nie wieder nachgewiesen werden konnten. Ich erklärte ihr, dass nicht jeder einfach irgendeine Sequenz hochladen kann, sondern dass diese durch verschiedene Methoden verifiziert werden müssen – und trotzdem beharrte sie auf ihrer Frage. Auch hier musste Wolfgang erneut eingreifen und der guten Frau genau erklären, wie dieses Kommitee die eingeschickten Sequenzen überprüft (Ist ja nicht so, dass ich ihr genau das zuvor schon erklärt hatte und sie es nicht glauben wollte….). Als nächstes fragte sie dann, welche Folgen es hätte, wenn bestimmte Proteine löslich im Cytoplasma vorlagen und nicht an der Zelloberfläche präsentiert wurden und darauf wusste ich nach kurzem Überlegen sogar ein Antwort, yay. Naja, zumindest konnte ich sagen, dass ihre Hauptfunktion – also die Präsentation der körpereigenen bzw. körperfremden Proteine an der Zelloberfläche und somit auch das Abchecken durch die T-Lymphozyten – nicht mehr möglich ist. Was für eine Aufgabe sie in diesem Zustand aber erfüllen können, darüber konnte selbst Wolfgang keine Aussage treffen. Als nächstes wurde dann die spärliche Beschriftung auf den Gelbildern bemängelt (wobei Wolfgang zu meiner Verteidigung sagte, dass ich alles mündlich erwähnt und sogar noch mit dem Pointer gezeigt habe….Gott sei dank, bei den Proben war dies nämlich nicht der Fall, da hatte ich die Negativkontrolle komplett unter den Tisch gekehrt). Nach über einer halben Stunde kam er dann auch mal zu Wort und durfte mir Fragen stellen. Ich hatte kleine Fallen eingebaut, zum Beispiel die Erwähnung von Schmierbanden, deren Begründung ich auf Nachfrage hätte liefern können. Allerdings haben wir uns so lange an der ersten Frage mit der Allelbezeichung aufgehalten und ich habe meine Erstprüferin mehr verwirrt mit der unglücklichen Wahl des Beispiels, bis auch hier wieder der Hinweis von Wolfgang kam, ich solle eine andere Folie auswählen. Denn anhand der neuen Allele mit deren dazugehöriger Referenzsequenz ließ sich die Bezeichnung nicht so schön erklären wie mit Hilfe der Auflistung aller bisher bekannten Allele. Und auch hierbei bekam diese Frage nur durch meinen Betreuer wieder eine zufriedenstellende Antwort.

Nach einer dreiviertel Stunde wurde die Fragerunde dann offiziell beendet. Ich bin mir sicher, dass Wolfgang noch ein paar Fragen auf seinem (bzw. eher meinem geliehenen) Zettel stehen hatte, doch meine Erstprüferin fand, ich hätte lange genug “gelitten“ und entließ mich nach draußen, damit sich die Drei beraten konnten. So saß ich gefühlt eine Ewigkeit draußen und hatte wegen der nicht gerade ideal gelaufenen Fragerunde ein sehr schlechtes Gefühl. Doch als mich der Protokolant wieder in den Raum bat, stand meine Professorin freudestrahlend dar und meinte, sie würde es gerne kurz und knapp machen. Es gab nichts auszusetzen, sie hat sich meine Arbeit von Anfang bis Ende in einer Sitzung durchgelesen und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Auch das Kolloquium war sehr schön gestaltet und somit hätte ich die 1.0 mehr als nur verdient. Als ich das hörte, rutschte mir schon ein wenig das Herz in die Hose und ich konnte es kaum fassen. Doch in diesem Moment war ich einfach nur froh und erleichtert zugleich. Kaum waren die beiden Prüfer aus dem Raum, fiel ich Wolfgang um den Hals und er hob mich hoch. Jetzt war es tatsächlich soweit, ich hatte es geschafft !!! 🙂

Nachdem wir meine Sachen zusammengepackt hatten und die Kaffeemaschine wieder zurückgerollt hatten gingen wir noch zusammen in die Mensa – ein aller letztes Mal Pommes essen zum Abschluss. Natürlich schrieb ich vorher noch allen, dass ich mit Bravour bestanden hatte und während dem Essen konnte ich nicht aufhören, dümmlich vor mich hinzugrinsen. Das brachte auch mein gegenüber in regelmäßigen Abständen zum Schmunzeln. “So ein kleines Häufchen Elend war sie vor kurzem noch“ sagte er nur, während er lächelnd den Kopf schüttelte.

Auf dem Rückweg zum Auto fand ich vor der Mensa ein fünfblättriges Kleeblatt, an der ähnlichen Stelle wo er mir vor ein paar Wochen das Vierblättrige gepflückt und geschenkt hatte. Wenn das mal kein gutes Zeichen ist 🙂

So fuhren wir zur Stiftung, ich überreichte ihm noch vorm Auto die zwei Flaschen Wein, die ich als kleines Dankeschön besorgt hatte. Ich hatte keine Ahnung gehabt, was ich ihm hätte schenken können, um auszudrücken, wie dankbar ich ihm für alles war und der Wein erschien mir nur als schwache Geste. Dabei wusste ich auch, dass er lieber Bier trinkt – doch eine Kiste Stubbi erschien mir als recht unpersönlich und einfach doof. Ich hoffe, es ergibt sich irgendwann mal der Moment, an dem er die Flasche aufmacht und vielleicht an mich zurückdenkt….das Mädel, dass ihm so viele Nerven gekostet hat ^^

An der Stiftung angekommen wurde als Erstes der Sekt kühl gestellt, während ich die anderen Studenten umarmte und von meinem Kolloq erzählte. Dann stieß ich mit den Mitarbeitern des Labors auf meinen Abschluss an. Wir saßen noch eine Weile zusammen, die Gruppe wurde immer kleiner und am Schluss blieben eigentlich nur noch Jessi und Ina zurück. Auch sie verabschiedeten sich gegen Vier, ich schaute noch ein letztes Mal nach meinen Mails, hatte aber nichts mehr zu tun und da die zwei Glässchen Sekt soweit verflogen waren beschloss ich, mich ebenfalls auf den Heimweg zu machen. Wolfgang war noch im Büro und mit der Korrektur von Julias Thesis beschäftigt, doch er drückte mich zum Abschied nochmal und riet mir, ich solle doch unbedingt meine Eltern schön zum Essen einladen.

Also fuhr ich nach Hause und verkündete, dass ich morgen Abend sehr gerne essen gehen würde. Meine Eltern fanden den Vorschlag gut und so fuhr ich zu meiner ehemaligen Arbeitsstätte, um einen Tisch zu reservieren. Natürlich wurde ich dort schief angeschaut, da ich mich ein dreivierteljahr nicht gemeldet hatte, doch das war mir egal. Auf das hinterfotzige “Glüüückwunsch“ der einen Kellnerin hätte ich gut verzichten können, die Distanziertheit der anderen ehemaligen Kollegin fand ich sehr schade – aber am geilsten war immer noch der erste Kommentar meiner Chefin “Bist du schick, brauchst du Job ?“ mit ihrem ruppigen polnischen Akzent. Als ich dies verneinte und ihr erklärte, dass ich nun den Abschluss habe und einfach nur mit meinen Eltern essen gehen wolle, schaute sie mich komisch an und fragte erneut, ob ich nach dem Abschluss denn keinen Job bräuchte. Kein Glückwunsch, gar nichts….was hätte ich auch anderes erwarten sollen ?

Meine Omi freute sich dafür umso mehr, dass ich nun endlich fertig bin. Ich verschwieg in dem Moment, dass ich nun nach Bonn gehe und das Drama dort wieder von Vorne anfängt – nur dieses Mal etwas weiter entfernt von der Heimat. Ich ließ mich einfach von ihr drücken und freute mich, dass sie so stolz auf mich war. Natürlich habe ich ihr auch gleich berichtet, dass ich sie morgen Abend zu Viert essen gehen und auf den Erfolg anstoßen.

Das haben wir dann auch getan. Als ich im Restaurant ankam wurde uns ein Platz im Bistro zugeteilt, wohl um uns im Auge zu behalten. Aber das störte mich nicht weiter, hauptsache ich bekam eine Vase fürdas hübsche Sträusschen mit orangefarbenen Gerbaras, welches meine Omi mir geschenkt hatte. Das Essen war gut (ich aß eine überteuerte, aber richtig gute Kürbis-Ingwersuppe und als Hauptgang das Schweizer Almsteak), zwischendurch kam die Chefin und erzählte uns von ihren Krankheiten im Laufe des Jahres….und das Verrückteste war immer noch, als sie mir auf dem Weg zum Parkplatz nachsagte “Du weißt Bescheid“. Daraufhin drehte ich mich verdutzt um, da ich offensichtlich nicht Bescheid wusste, wovon sie gerade redete. “Wenn du Job brauchst, du weißt Bescheid“. Jo, das hätte ich mir ja denken können. Zum Arbeiten kann ich dann wieder kommen, aber fünf Minuten lang freundlich sein oder mir ordentlich gratulieren, das kann sie nicht. Ganz im ernst, es ist kein Wunder dass sie keine Kellner findet, wenn sie sich nicht darum bemüht, die guten Leute zu behalten. Denn dass ich zumindest als Kellner überall einen Job finden könnte, weiß ich mittlerweile auch.

Sich langsam wieder einpendeln

Nachdem ich ein langes Wochenende zwangsweise Zuhause verbracht hatte, um wieder auf die Beine zu kommen und die Nerven zu beruhigen, hatte ich am Montag das Bewerbungsgespräch bei der Tabakfirma. Selbst mein angeschlagenes Bauchgefühl hielt nicht viel von diesem Jobangebot und nach einem halbstündigem Gespräch stand für mich fest, dass ich ganz bestimmt nicht zwei Monate lang bessere Putzfrau spielen würde, nur damit das Labor die liegen gebliebenen Arbeiten vom Sommer nacharbeiten konnte – um mich dann im Dezember wieder auf die Straße zu setzen. Das war keine Option für mich und ich lehnte das Angebot am nächsten Tag schriftlich ab. Egal wofür ich mich entscheide, Master oder Berufserfahrung, dieser Job ist nicht mal als kurzfristige Lösung für irgendetwas zu gebrauchen.

Auf Zuhause rumsitzen hatte ich dann auch keine Lust mehr. Ich war zwar noch nicht richtig fit und aß, abgesehen von Omis selbstgemachter Suppe, immer noch zu wenig, aber nichts tun macht die Sache nicht besser und so fuhr ich dienstags wieder zur Stiftung und bastelte an meinem Poster. Ich muss ja keine Versuche mehr ansetzen oder auswerten, also habe ich die ganze Woche eigentlich nur an dem Posterentwurf gesessen oder ein wenig an den Folien fürs Kolloq gebastelt. Auch wenn ich die mündliche Verteidigung meiner Thesis – auf weisen Rat meines Betreuers hin, der genau gesehen hat, wie elend es mir zur Zeit geht – zeitlich erst einmal hinter den Kongress nächste Woche verschoben habe, so habe ich mir zumindest überlegt, wie ich den Vortrag aufbaue und die Präsentation erstellt.

Und wir Studenten haben uns noch alle etwas Blut abnehmen lassen am Dienstag, um unsere Blutgruppen und HLA-Werte zu erfahren! Letzte Woche wäre ich dafür auf keinen Fall fit genug gewesen und auch jetzt war ich noch sehr nervös und hibbelig, da ich meine letzte Blutabnahme noch in schrecklicher Erinnerung hatte, doch ich trank vorher viel und Katja suchte sich eine hübsche Vene aus, traf diese beim ersten Versuch und eine Minute später konnte ich stolz mein Röhrchen Blut in der Hand halten und bekam von Ina als Belohnung einen Lolli in den Mund geschoben 🙂

Am nächsten Tag durften wir dann im Labor unsere eigene Blutgruppe bestimmen und bekamen eine genaue Anleitung, wie wir vorzugehen haben, während uns ein paar Schüler im Hintergrund zuschauten. Ich glaube für uns war das viel spannender als für die Schulklasse und ich freute mich, endlich zu erfahren, dass ich ein A+ bin. Das wollte ich schon lange wissen und es ist richtig cool, dass wir im Labor die Möglichkeit dazu haben. Unsere Proben laufen nun mit der NGS Routine und ich werde zusätzlich die Loci -E,-F und -G ansetzen, um auch diese Werte zu erfahren. Das wird allerdings erst nach dem Kongress gestartet, wenn das Poster fertig ist.

Auch an diesem Abend war ich wieder länger in der Stiftung, als ursprünglich gedacht. Ich weiß nicht einmal genau, wie es dazu kam – jedenfalls habe ich nach gemeinsamer Korrektur des Posters den halben Kasten Bier aus meinem Auto geschleppt (den hatte ich überhaupt erst im Auto, weil Jenny und ich nach Druck der Thesis die letzten Bierchen aus dem Kühlschrank geklaut und selbst getrunken hatten), die Flaschen haben wir dann kurz ins Gefrierfach gelegt und kurze Zeit später saß ich wieder auf den Pappkartons hinter Wolfgangs Schreibtisch, während dieser lautstark Pink Floyd und David Bowie hörte. Genau an diesem Platz fühle ich mich mittlerweile schon richtig wohl. Peter musste noch einen Lauf starten, gesellte sich danach aber auch zu uns. Erst fragte er, ob ich mich schon entschieden hätte bezüglich Master oder Job und als ich dies erschöpft verneinte, erzählte er uns von seiner Schwester, die ähnlich wie meine Cousinen dieses “perfekte, durchgeplante Leben“ mit Mann, Haus und Kind führte, während er nun mit Anfang 30 seinen Bachelor nachholt. Er versuchte mit der Geschichte, mir die Angst vor einer falschen Entscheidung zu nehmen und tatsächlich gab es mir Mut – manchmal dauert es einfach länger, seinen eigenen Weg zu finden. Doch wenn man seine Geschichte rückblickend betrachtet, hatte alles seinen Sinn und letzten Endes hat für ihn alles gepasst, genau so wie es gelaufen ist. Manchmal nutzt es nichts, die Zukunft genau zu planen, sondern man muss einfach auf sein Bauchgefühl hören und sich darauf verlassen, dass irgendwann alles gut wird. Mit dieser Erkenntnis bin ich schließlich nach Hause gefahren und hab mir dort erst einmal ein kaltes Stück Pizza gegönnt. Das ist schon mal ein gutes Zeichen, dass der Magen wieder zu seiner alten Form zurückfindet. Allgemein habe ich den Abend sehr genossen, da mich dieses gemütliche Beisammensitzen und noch ein Feierabendbierchen trinken an die Zeit im Restaurant erinnert hat. Nicht an die stressigen Abende bei vollem Haus, sondern an das gemeinsame Weinchen bei lustigen Gesprächen an der Theke danach. Auf mein Bauchgefühl konnte ich mich in den letzten Wochen nicht verlassen, doch genau in diesem Moment sagte es mir, dass ich mich dort auf den Pappkartons verdammt wohl fühle und dass ich es richtig gut in der Stiftung habe. Wo sonst kann ich so frei forschen, Versuche ansetzen wie ich möchte und mein eigenes Projekt auf die Beine stellen ? Das alles würde zumindest für einen Master am Campus sprechen, dann bliebe ich in der Nähe und würde den Abschluss mit Unterstützung der Stiftung schreiben….es wäre bequem für mich, doch das ist auch leider schon der einzige Vorteil des Campus. Denn wenn ich ehrlich bin möchte ich keinen VT-Master machen. Die Hälfte der Vorlesungen klingt wie der Albtraum aus dem Bachelor mit einer II hinten dran und es ist einfach nicht meine Fachrichtung. Klar, Jessi und Yannik würden mir bestimmt helfen und wir könnten uns gegenseitig unterstützen, doch ich möchte mich einfach keine zwei Jahre durch ein Studium quälen, was mich überhaupt nicht interessiert, nur um dann den Master zu haben. Aber arbeiten erscheint im Vergleich zur Uni auch langweilig. Das ist gleich so entgültig….hach je. Kurz gesagt: Eine Entscheidung über meine Zukunft wurde an diesem Abend nicht getroffen und schlauer als vorher bin ich immer noch nicht…nur voller wurde ich nach den zwei Stubbis und mit einem dämlichen Dauergrinsen habe ich mich um 21 Uhr Richtung Heimat begeben.

Am nächsten Tag war die Stimmung meines Betreuers dann komplett umgeschlagen und ich habe mir wirklich Gedanken gemacht, ob ich am Abend zuvor irgendetwas Falsches gesagt habe. Eigentlich wollte ich ihm noch erzählen, dass ich morgen nicht in der Stiftung sein werde, da ich Maria und den kleinen Welpen besuche, doch als er am Nachmittag mit einem kurzen Tschüss an uns vorbeirauschte blieb gerade noch genug Zeit, ihm mitzuteilen, dass ich Donnerstag nicht im Haus sein werde. Seine Antwort war das typische mit dem Kopf nach vorne nicken, als wolle er sagen “Ja, und ?“. Keine Ahnung, was diesen plötzlichen Wechsel hervorgerufen hat aber hoffendlich bessert sich seine Stimmung bald wieder.

Jedenfalls fuhr ich am nächsten Tag zu Maria und brachte dem kleinen Levi noch ein nerviges Quitschspielzeug mit, auf welches er sich direkt stürzte. Zum Glück hatte ich nicht das große Schweinchen gekauft – das wäre größer gewesen als er selbst. Der kleine Mann ist wirklich noch winziger als auf den Bildern zu erahnen war. Aber ein ganz zutraulicher ist er. Nach ein paar Minuten wildem rumgetobe kuschelte er sich neben mich und schlief kurz darauf ein. Zwischendurch gingen wir ein paar Mal nach unten in den Garten, wo der kleine Kerl Grashalme rupfte und an dem Rindenmulch knabberte. Mit Maria redete ich über meine Zukunftsängste (helfen konnte sie mir dabei auch nicht, schließlich ist das meine Entscheidung) und über ihren nichtbestandenen Drittversuch. Wahrscheinlich muss sie nun einen verwandten Studiengang belegen und sechs Module nachholen, auch scheiße. Aber einen kleinen Trost hätte es – wir würden dann wieder zusammen in der Uni sitzen und lernen. Insgesamt hatte der Nachmittag bei Maria nicht die entspannende Wirkung auf mich, mit welcher ich gerechnet hatte. Ich hatte mich seit der Zwangspause letztes Wochenende darauf gefreut, sie wieder zu sehen und einen gemütlichen Tag zusammen zu verbringen. Doch diese innere Unruhe blieb und nach zwei Blechen Süßkartoffelkommes zum Abendessen verabschiedete ich mich recht schnell bei ihr, da mir noch ein langer Heimweg bevorstand und ich am nächsten Morgen (trotz Freitag) leider wieder in die Stiftung musste. Eigentlich hatte ich meinen Betreuer fragen wollen, ob ich die Gesundheitsschulung schwänzen dürfte, doch nach seiner Stimmung am Vortag hatte ich mich nicht mehr getraut. So fuhr ich am nächsten Morgen zur Stiftung und hörte mir zwei Stunden lang einen Vortrag über die Wichtigkeit des Händewaschens an, spannend ! Aber wenigstens war die Stimmung wieder etwas besser. Zu mir war er zumindest sehr lieb und hörte geduldig zu, als ich von dem kleinen Hündchen erzählte und mich kurz darauf bei ihm darüber auskotzte, dass ich die nächsten zwei Tage große Umwege fahren musste, nur um zu den Aktionsterminen zu fahren. Das verstand er genauso wenig wie ich, doch da meine Ansprechperson in Urlaub war und ihre Vertretung nicht darüber entscheiden wollte, musste ich mich an die Vorgaben halten. Letzten Endes war alles auch halb so schlimm, schließlich traf ich am ersten Morgen des Termins auf die oberste Vorgesetzte und die fand die Entscheidung genauso schwachsinnig und erlaubte mir, direkt zu dem Termin zu fahren. So hatte ich wenigstens am zweiten Tag den Umweg bis zur Stiftung umgangen und konnte länger schlafen. Die Aktion an sich (Retro Gamescom) war nicht sehr spannend. Es waren nicht annähernd so viele Leute dort wie erwartet und das Interesse an der Stiftung hielt sich sehr in Grenzen. Wir konnten nur durch ein altes Pong Spiel ein wenig Aufmerksamkeit gewinnen, doch die Anzahl der Proben fiel gering aus. Dafür unterhielt ich mich lange mit Maike, welche eigentlich am nächsten Morgen nach Chemnitz fahren wollte. Dort fand ein kostenloses Konzert gegen Rechts statt mit teilweise richtig guten Bands wie Kraftklub und den Toten Hosen. Doch am Schluss haben wir uns gegen die Schnappsidee entschieden, spontan 600km in den Osten zu fahren. Es war einfach alles zu knapp – und als ich am nächsten Abend den Livestream anschaltete war ich froh, nicht gefahren zu sein, da sich die Aktion für jeweils 30 Minuten Bandauftritte nicht gelohnt hätte. Es wäre eine verrückte Story geworden, aber mehr auch nicht und bei dem ganzen Stress, den ich momentan schon habe bzw. mir mache, konnte ich darauf gut verzichten. So bin ich montags wieder brav in die Stiftung gefahren und habe mein Poster fertig entworfen. Um kurz nach Sechs war der grüne “Komma opus“ fertig und vom Chef durchgewunken, somit habe ich am Dienstag mein versäumtes Wochenende bei der Omi nachgeholt und war am Mittwoch auch nur kurz in der Stiftung, um mich wegen der Abfahrt zum Kongress am nächsten Morgen zu erkundigen und mit meinem Betreuer in der Mensa Mittag zu essen. Dann bin ich zum DRK Termin in die Heimat gefahren – und habe dabei ständig besorgt auf die Tankanzeige geschaut. Wer lässt einen denn mit einem Auto losfahren, welches noch ca. 150 km weit kommt, wenn die Strecke über 120 km beträgt ? no risk, no fun oder was ?

Zum Glück hat die Tankfüllung gerade noch gereicht, um Donnerstag Morgen mit meinem Gepäck zur Stiftung zu fahren. Während ich noch ganz schnell meine Mails gecheckt habe und in diesem Zusammenhang sowohl mein Kolloq plante wie auch eine Zusage für den Master in Bonn-Rhein-Sieg erhielt, wurde das Auto vollgetankt und die anderen Mitfahrer zum Kongress trudelten so langsam ein. Um kurz nach Neun habe ich es mir dann hinter dem Steuer des Stiftungsautos gemütlich gemacht und bin dem Laborleiter Richtung Freiburg gefolgt….

So kurz vorm Ziel und doch am Ende der Kräfte…

Dieser Beitrag heute könnte sehr viele Titel tragen. Im Wesentlichen handelt er davon, wie ich durch den ganzen Stress während der Korrektur der Thesis in den letzten zwei Wochen aufgehört habe, normal zu essen. Der Körper machte das natürlich nicht lange mit, streikte bereits nach wenigen Tagen und auch die Nerven wurden immer dünner. Ich stand die letzten Tage bis zum Druck so unter Strom, dass ich ein nervliches Wrack wurde. Es endete damit, dass ich mit der gedruckten Thesis in der Hand im Büro meines Betreuers stand und nicht mehr aufhören konnte zu weinen – ohne ihm einen wirklichen Grund für mein Verhalten liefern zu können. Ich fühlte mich auch nicht erleichtert, nicht stolz…einfach nur überfordert mit allem. Aber fangen wir besser von Vorne an…

Wann alles angefangen hat, kann ich nicht mehr genau sagen. Aber die Korrektur der Thesis hat sich einfach immer weiter in die Länge gezogen und den geplanten Drucktermin musste ich drei Mal verschieben. Irgendwann waren wir in der entscheidenen Woche angekommen – länger konnte ich die Abgabe nicht hinauszögern, da der festgelegte Termin zur Zwangsabgabe bevorstand. Montags blieb nicht viel Zeit zur Korrektur, da ich nachmittags zu einem DRK Termin gefahren bin. Das war eigentlich ganz schön – Jenny kam mich abends noch besuchen und somit verging die Zeit wie im Flug, auch wenn es schade war, dass ich ihren Welpen nicht kennenlernen konnte. Aber es war trotzdem schön, dass sie sich die Zeit genommen hat und vorbeikam. Jedoch hätte ich mir vielleicht zwischendurch die Zeit zum Essen nehmen sollen, denn als ich nach Mitternacht Zuhause ankam hatte ich nichts im Magen außer einer Scheibe Brot, etwas Wurstsalat und weißem Flit. Alles nicht besonders nährreich. Dienstags und mittwochs haben mein Betreuer und ich dann wirklich an der Thesis gearbeitet, nachmittags angefangen und vor 20 Uhr kamen wir nicht aus der Stiftung raus. Das waren natürlich sehr lange Tage für mich und die Situation zerrte an meinen Nerven, doch es ging endlich vorwärts und das freute mich. Jedoch habe ich in den beiden Tagen kaum etwas gegessen, abgesehen von ein paar Maiswaffeln, die Jenny mir zusteckte. Auf das gekochte Essen meiner Mutti hatte ich keine Lust und kaute höchstens lustlos auf ein paar Nudeln rum. Ideal war das natürlich nicht. Donnerstags bin ich dann mit zur Mensa gefahren und habe dort einen Teller Pommes gegessen – egal wie schlecht es mir in der Vergangenheit ging, Pommes oder Burger gingen immer. So aß ich also meine Portion tapfer auf und hoffte, dass wir nachmittags vielleicht noch ein wenig an der Thesis arbeiten könnten – doch daraus wurde nichts, da mein Betreuer vormittags beschäftigt war und ich natürlich wieder zu einem DRK Termin fahren musste. Auch dieses Mal kam ich erst um Mitternacht nach Hause und hatte nicht viel im Magen. Das rächte sich dann am Freitag. Denn heute musste die Thesis fertig werden, damit noch genug Zeit zum Drucken blieb, vor der Zwangsabgabe am Mittwoch. Wir haben freitags auch dran gearbeitet – doch wir kamen einfach nicht richtig weiter. Kurz nach Acht hieß es dann “Feierabend“ und ich protestierte müde, dass wir eigentlich noch diese Woche fertig werden müssten, damit die Thesis rechtzeitig gedruckt werden kann. Also mussten wir wohl oder übel weitermachen und zumindest versuchen, die Diskussion fertig zu bekommen….eine halbe Stunde später haben wir das Vorhaben dann entgültig aufgegeben, uns für samstags verabredet und noch ein Bierchen getrunken. Und da ich den ganzen Tag wieder recht bescheiden gegessen hatte, löste mir das Stubbi nach wenigen Schlücken die Zunge und wir konnten uns nicht nur ausgiebig über die Arbeitsmoral einiger Studenten unterhalten, sondern ich erzählte ihm sogar von meiner Vergangenheit mit Jenny (was mir im Nachhinein wirklich peinlich war, für ihn schien das aber ok zu sein. Er ahnte vorher nichts und hätte Streit zwischen uns nicht akzeptiert, doch wir verstehen uns momentan ja gut und es gab keinen Grund zur Sorge).

Samstag Mittag haben wir uns dann erneut getroffen und innerhalb von zwei Stunden war der Text zur Diskussion geschrieben. Er hatte sich am Abend zuvor bereits die entsprechenden Seiten ausgedruckt und sich eine passende Struktur dazu überlegt, sodass wir das letzte Kapitel recht schnell abhaken konnten. Den restlichen Nachmittag verbrachte ich damit, an der Formatierung der Tabellen, Abbildungen und Grafiken zu arbeiten und das Dokument auf Rechtschreibfehler zu überprüfen, während mein Betreuer in seinem Büro an seiner Steuererklärung arbeitete. Als wir ein paar Stunden später beide soweit fertig waren, gönnten wir uns einen Döner und ein kühles Bierchen dazu. So saßen wir gemütlich draußen in der Sonne, unterhielten uns ein wenig….und ich musste jedes Mal schmunzeln, wenn mein Betreuer nur den Kopf schütteln konnte, sobald ein Rallyeauto an uns vorbeifuhr und die Personen an den Nachbartischen von ihren Stühlen aufsprangen. Das “schlimmste“ war noch, dass ich so einiges über die Rallye und die Fahrer wusste, da ich ja früher oft mit meinen Cousinen vor Ort gewesen war.

Naja, jedenfalls bin ich ihm sehr dankbar, dass er sich den Samstag Zeit für mich genommen hat und das Ganze so ausführlich korrigiert hat. Ich habe an manchen Tagen die Nerven verloren (besonders wenn er aufgrund anderer Verpflichtungen keine Zeit für mich hatte, aber auch in manchen Stunden, wenn wir uns zu lange an einem Satz aufhielten, den ich ursprünglich gar nicht so schlecht fand) – aber im Nachhinein muss ich sagen, dass wir ein richtig schönes Ergebnis produziert haben, auf welches ich wirklich stolz sein könnte. Also eigentlich hat sich die ganze Quälerei gelohnt und ich könnte jetzt mit einem erleichterten Gefühl mein Kolloq vorbereiten und danach feiern, dass ich als Zweite von über 40 Leuten den Bachelorabschluss geschafft habe.

….nur leider fühle ich mich nicht erleichtert und ich bin auch nicht stolz auf mein Werk. Stattdessen habe ich den ganzen Sonntag damit verbracht, Kleinigkeiten auszubessern und Rechtschreibfehler zu korrigieren. Ständig haben sich die Tabellen- und Abbildungsnummerierungen verschoben, sodass am Ende keine Beschriftung mehr stimmte. Dadurch ergab das generierte Verzeichnis auch keinen Sinn mehr und ich durfte alles händig überarbeiten – aber natürlich wurden die Zahlen nicht in jedem Fall übernommen. Um elf Uhr habe ich es dann entgültig aufgegeben – nachdem mir aufgefallen war, dass ich noch keine Danksagung geschrieben hatte. Das habe ich dann am Montag nachgeholt, während Jenny meine Thesis Beta gelesen hat. Dafür war ich ihr mehr als nur dankbar, denn außer ihr erklärte sich niemand bereit, mir diesen Gefallen zu tun. Maria war mit ihrem Welpen bei den Eltern und meine Professorin musste ein IKEA Regal zusammenbauen oder sowas in der Art, jedenfalls wollte sie mir keine konstruktive Kritik geben. Montag Morgen habe ich also versucht, alle kleinen Fehlerchen die Jenny noch gefunden hatte zu finden und auszubessern – während ich immer noch Probleme mit den Numerierungen hatte. Ich habe die Tabellen und Abbildungen so oft geändert, doch trotzdem wurde es die halbe Zeit nicht übernommen. Um 14:02 verbesserte ich zum letzten Mal die finale .pdf Datei – eigentlich hätte ich um zwei Uhr den Termin zum Drucken gehabt. Doch stattdessen hatte ich einen Nervenzusammenbruch, die die Zeit einfach nicht reichte, um alles richtig zu machen und mich als Perfektionist brachte das natürlich in rage. Da ich sehr zittrig auf den Beinen war, fuhr Jenny mich zu dem Drucktermin und dort angekommen überprüfte ich ein weiteres Mal die Numerierungen. Dieses Mal stimmten sie – dafür gab es aber in den Verzeichnissen Fehler in den Seitenzahlen. Das Problem ließ sich auch nur dadurch beheben, dass ich ein neues Dokument entwarf mit den gewünschten Seitenzahlen und dieses sortierte ich dann statt der fehlerhaften Seite ein. Das war zwar ein wenig “geschummelt“, aber funktionierte wenigstens. Insgesamt verbrachten wir zwei Stunden bei dem Druck, da einfach nichts auf Anhieb funktionieren wollte und ich sehr lange an den Verzeichnissen bastelte. Ich hätte alles so gerne perfekt gehabt. (Spoiler: Das habe ich leider nicht erreicht, eine Woche nach dem Druck ist mir aufgefallen, dass ich im Inhaltsverzeichnis nicht von 1 bis 13 zählen konnte und in der Kopfzeile der Danksagung steht Literaturverzeichnis – das ist wirklich zum Kotzen. Anderen wird es vielleicht nicht auffallen, doch für mich sind solche Fehler eine große Enttäuschung).

Jedenfalls war ich Jenny und Ina sehr dankbar, dass die beiden mich begleitet haben. Ich hatte mehr als nur einen Nervenzusammenbruch in der Zeit, aber die beiden haben meine Launen ertragen und mir geholfen, so gut es nur ging. Wir sind alle Querverweise nochmal durchgegangen um sicherzugehen, dass auch wirklich alles stimmt. Ohne die beiden hätte ich nie die nötige Ruhe gehabt, die Thesis auszudrucken. Ich wäre nicht einmal zum Drucktermin erschienen, so wacklig war ich auf den Beinen. Nach dem Drucken fühlte ich mich seltsam erleichtert und frei, also tranken Jenny und ich in der Stiftung noch ein Bierchen auf die Thesis und ich fuhr guten Gewissens nach Hause…dieses Hoch hielt nur leider nicht besonders lange an :/

Am nächsten Morgen durfte ich das fertig gedruckte Exemplar dann abholen und für die entgültige Abgabe im Prüfungsamt habe ich mich noch mit Dome getroffen, welcher zufällig am gleichen Tag fertig mit seiner Thesis wurde – doch ich hatte einfach keinen Nerv, mich mit ihm zusammenzusetzen und lange zu quatschen. Irgendwie war mir alles zu viel – ich fühlte mich nicht erleichtert, sondern einfach nur überrollt von allem. Wir saßen also eine halbe Stunde zusammen und tauschen Neuigkeiten aus, dann bin ich wieder zur Stiftung gefahren und habe in der folgenden Stunde versucht, tapfer meine Tortellini runterzuwürgen. Vorher war ich jedoch bei meinem Betreuer im Büro und als ich ihm das gedruckte Exemplar zeigte, fing ich mega an zu flennen und konnte mich gar nicht mehr zusammenreißen. Anfangs war er sichtlich überfordert mit der Situation und mir war es auch peinlich, denn ich konnte ihm nicht erklären, warum ich so reagierte. Mir war einfach alles zu viel in dem Moment. Aber mein Betreuer reagierte sehr süß, fragte ob er mich anfassen dürfte und als ich nickte hat er mich in den Arm genommen und ganz ganz dolle gedrückt und mir gesagt, dass ich sehr stolz auf mich sein kann. Das war ein tolles Gefühl und allein wegen dieser Geste musste ich ihn einfach gerne haben. Ich konnte ihm zwar nicht sagen, warum ich so aufgewühlt war und warum es nicht besser wurde – einfach weil ich es selbst nicht begriff. Doch er hörte mir zu bei meinem Gestammel und war für mich da. Ich sah ihm deutlich an, dass er nicht verstand, was mit mir los sei und auf sein “Das kann doch nicht alles sein“ hatte ich keine Antwort, doch er machte sich Sorgen um mich. Auch als ich mich später, zittrig und wacklig auf den Beinen, von ihm verabschiedete, da ich auf einen DRK Termin fahren musste, sah er mich besorgt an. Ich erweckte nicht den Eindruck, dass ich die knapp zweistündige Fahrt in seine Heimat schaffen würde (nicht zu Unrecht, am Termin angekommen brach ich mehrfach in Tränen aus, vor allem als ich mit Jenny über meine Zukunftsängste redete, und mein Kreislauf zwang mich fast in die Knie. Das einzig Positive war, dass ich auf der Rückfahrt wieder in Ramstein am Burger King anhielt und die beiden Burger innerhalb kürzester Zeit aufaß. Nährwert hatte das zwar keinen, aber wenigstens aß ich irgendwas).

Wer hätte gedacht, dass wir beide mal so gut miteinander auskommen würden. Anfangs war ich ihm ja wirklich böse, dass er mich mit Yannik allein im Labor gelassen hat, da er nie Zeit hatte sich um mich zu kümmern. Doch in den letzten Tagen war er für mich da gewesen und hat sich größte Mühe gegeben, diese Thesis zu etwas Vorzeigbarem umzuformulieren. Er hätte vielleicht früher mit der Korrektur anfangen können – doch aus irgendeinem Grund kann ich ihm das nicht einmal vorhalten, da ich jeden Tag sehe, wie viel er zu tun hat und wie beschäftigt er immer ist. Trotzdem, im entscheidenden Moment war er für mich da, meinte ich solle die Tür schließen und dann haben wir beide geredet. Es hat nicht immer Sinn ergeben, was ich zwischen den Tränen gestottert habe und oft konnte ich ihm nicht erklären, was ich fühle und warum ich so fühle, doch er hat mir zugehört. Allein in der letzten Woche – nachdem die Thesis längst fertig korrigiert und gedruckt war – saß ich drei nachmittage in seinem Büro und versuchte ihm zu erklären, warum es mir einfach nicht besser geht und ich mich nicht freuen kann über den Erfolg. Ich erzählte ihm von meiner Angst vor der Zukunft und das ich nicht wisse, ob ich den Master wirklich schaffen könne bzw. ob ich das wirklich wollte. Die Jobaussichten sehen aber leider auch nicht besser aus und Reisen steht momentan nicht zur Option, das ist auch nur wegrennen vor den eigentlichen Entscheidungen und bringt mich nicht weiter. Ich stehe an einer Kreuzung und weiß nicht weiter, fühle mich verloren und von der Mangelernährung total kraftlos. Ich glaube ich bin der verwirrteste Zwilling, den er je getroffen hat. Eigentlich sollte ich von Natur aus neugierig sein – und ich will nicht anzweifeln, dass ich das nicht bin, doch momentan zeichne ich mich eher durch meine Orientierungslosigkeit aus. Die Abgabe der Thesis hat nicht bewirkt, dass ich mich besser fühle und eine Last von mir fällt, sie hat eher verursacht, das sich die blanke Panik in mir breitmacht. Vorgestern noch stürmte ich in sein Büro, aufgelöst wie schon den ganzen Tag, und wollte unbedingt nächste Woche mein Kolloq halten. Kurz danach liefen mir wieder Tränen der Verzweiflung und er riet mir, in meinem Zustand keine mündliche Prüfung abzuhalten. Und damit hatte er recht, schließlich hatte ich weder die Kraft, 20 Minuten lang auf eigenen Beinen zu stehen, noch konnte ich klar denken. Kurz darauf brachte er mich in die Krankenstation, wo eine Ärztin mit einem Liter Cola versuchte, meinen eingeklappten Kreislauf ein wenig zu stabilisieren. Das klappte alles mehr schlecht als recht und als ich mich abends verabschiedete versprach ich meinem Betreuer, erst mal ein paar Tage Zuhause zu bleiben (die lange Fahrt jeden Morgen wurde in meinem Zustand eh zu riskant) und mich um mich selbst zu kümmern. Mit dem Kolloq schauen wir im September, sobald ich wieder fit auf den Beinen stehe und das Poster für den Kongress nächste Woche bekommen wir auch rechtzeitig fertig. Ich solle jetzt erstmal zur Ruhe kommen und mich ausruhen.

Jetzt sitze ich also Zuhause – die Panik will sich nicht auflösen – und da ich immer noch nicht richtig essen mag ernähre ich mich hauptsächlich von Trinknahrung, die eher nach Spülmittel statt nach Vanille schmeckt. Die Maiswaffeln konnte ich upgraden zu Zwieback – aber die 10 kcal pro Scheibe retten mich leider auch nicht. Die letzten beiden Tage hat meine Omi mir eine schöne dicke Gemüsesuppe gekocht und alles frische aus dem Garten, das der Körper jetzt nach dieser langen Durststrecke gebrauchen könnte, klein püriert. Das ließ sich auch ganz gut löffeln, aber ansonsten esse ich immer noch recht bescheiden. Geschlafen habe ich gestern überhaupt nicht, stattdessen habe ich um vier Uhr nachts Horror Tattoos und eine super alte Folge “Talk, Talk, Talk“ geschaut. Ich finde einfach keine Ruhe. Am Montag habe ich eine zweite Bewerbungsrunde für einen Job in der Qualitätskontrolle. Eigentlich klingt das ganz gut – würde es sich bei der Firma nicht um Leih- und Zeitarbeit handeln. Das heißt ich bekomme allerhöchstens einen Vertrag über neun Monate. Sicher stehen bisjetzt nur zwei Monate und danach könnte der Vertrag noch um ein paar Monate verlängert werden – aber das ist ja alles keine dauerhafte Lösung.

Am Dienstag werde ich dann wieder zur Stiftung fahren – ob es mir nun besser geht oder nicht. Es bringt nichts, noch länger Zuhause rumzusitzen und zu hoffen, dass sich diese Panik irgendwie vertreiben lässt. Dann lenke ich mich lieber irgendwie ab. Ich will meinen Betreuer nicht noch mehr mit meinen Problemen belasten und ich weiß, dass er mir auch nicht helfen kann, wenn ich ihm nicht genau erklären kann was los ist. Ich merke selbst, dass ich überreagiere und das die Situation gar nicht so aussichtslos ist, ich muss einfach nur meine Wahl treffen. Denn letzten Endes ist es meine Entscheidung, ob (bzw. wo) ich einen Master mache oder ob ich anfange, zu arbeiten und somit erste Berufserfahrung sammel. Diese Entscheidung kann mir niemand abnehmen, egal wie sehr ich es mir wünsche.

Von Planung hält auch niemand etwas…

Ich könnte schon wieder an die Decke gehen, wie ein kleines HB-Männchen. Die Deadline für die Korrektur der Thesis war festgelegt auf diesen Freitag, das habe ich meinem Betreuer nicht nur oftmals gesagt, sondern ihm auch noch in den Kalender geschrieben. Der Termin zum Drucken stand nämlich bereits, es fehlte nur noch das Datum fürs Kolloq. Und jetzt darf ich alles wieder umplanen, nur weil es meinem Betreuer in den letzten zwei Monaten nicht in den Sinn kam, meine Thesis auch nur anzuschauen. Vor zwei Wochen habe ich ihn zum wiederholten Male an die Frist erinnert, aber “bis dahin ist ja noch Zeit“. Jo, ein Scheißdreck ists ! Am Mittwoch hat er die ersten Seiten überflogen und dabei ist ihm aufgefallen, dass ich den Teil mit den theoretischen Grundlagen seperat an den Anfang der Thesis gestellt habe. Das passt ihm natürlich nicht, denn bisher hatte keine andere Arbeit diesen Aufbau und er möchte, dass ich diese Sachen im Methodenteil ergänze. Klar, ich fange zwei Tage vor der von mir gesetzten Deadline noch an, alles umzuschreiben und die Theorie mit den Methoden zu verwurschteln – na das kann ja nur gut werden.

Es wäre vielleicht sinnvoll gewesen, wenn er sich vorher mit meiner Arbeit befasst hätte, dann wäre mir genügend Zeit geblieben, alles zu ändern und ordentlich umzuschreiben. Stattdessen musste ich nun eine panische Mail an meine Professorin schicken und sie in Ihrem Urlaub um einen Rat bei der Struktur bitten…das fand sie offenbar nicht so toll, denn sie antwortete mir selbst nach einem ganzen Tag noch nicht auf meine WhatsApp Nachricht und ich möchte sie wirklich nicht nerven – aber ohne eine Antwort von ihr können wir die Korrektur nicht abschließen und sie sieht die Arbeit niemals.

Mein Betreuer hatte versprochen, dass wir heute (Donnerstag) mit der Korrektur der Thesis beginnen würden. Und naja…ganz Unrecht hatte er zumindest nicht damit – aber ich hatte mir doch ein bisschen mehr vorgestellt, als sich nach der Mittagspause für zwei Stunden zusammenzusetzen, im Text ständig von A nach B zu springen, jeden Satz auseinanderzuschießen, umzuschreiben und das reinste Chaos auf der Seite zu hinterlassen. Wir haben insgesamt 3 Seiten “bearbeitet“…von knapp 90 !!! Und es ist nicht so, dass ich jetzt sagen könnte, wir haben zumindest einen Teil komplett fertig. Stattdessen haben wir überall kleine Baustellen geschaffen und Sätze zerhackt, in einem Tempo – da wird die Lücke in der A1 zwischen Blankenheim und Gerolstein ja schneller verbunden, als dass diese Thesis fertig wird. (Und die Strecke wollen sie jetzt wieder neu planen, do rollt also bis mindestens 2023 kein Baustellenfahrzeug hin)

Und wenn ich noch ein Mal von ihm höre “Mach dir keinen Stress, es ist doch noch genug Zeit“ oder “Du hast doch keinen Zeitdruck so wie Yannik, dass du zum Ende des Semesters fertig sein musst“ dann raste ich komplett aus. Nur weil ich nicht aus dem Masterstudiengang geworfen werde, heißt das noch lange nicht, dass ich es schön finde, den fest zugesagten Drucktermin zu ändern oder meine Professorin ständig zu nerven.

Morgen (=der Freitag, an dem ich nur kommen wollte, um die Korrektur abzuschließen und den fertigen Entwurf meiner Erstprüferin zu schicken) werden wir auch nicht weit kommen, da ich ab 15:30 auf eine Aktion fahre und so wie ich meinen Betreuer kenne, schleife ich mich demotiviert um acht Uhr in die Stiftung, nur um dann den halben Tag den ganzen Literaturmist zu lesen, den er mir noch ausgedruckt hat, und dann zerstören wir vielleicht drei Abschnitte in der Thesis. Das ist unbeschreiblich frustrierend. Nicht zu erwähnen, dass meine ganze Zeitplanung im Arsch ist. Denn in den ersten beiden Augustwochen hatte ich mir keine Termine eingetragen, um genug Zeit zu haben, die Thesis fertig zu schreiben und zu korrigieren, wie auch das Kolloq vorzubereiten und zu halten. Diese beiden Wochen vergehen jetzt, ohne dass wir von der Stelle kommen und nächste Woche arbeite ich fast jeden einzelnen Tag außerhalb der Stiftung – das bedeutet, wir werden auch nicht weiterkommen.

 

Und als wäre der Tag noch nicht erfreulich genug verlaufen, so gab es auch noch einige Missverständnisse bei der Vergabe der Aktionstermine und da mich Jenny und Katrin nicht in meinem doch soooo wichtigen Gespräch mit meinem Betreuer stören wollten, haben sie das Ganze einfach zu Zweit geklärt – was nun zur Folge hat, dass Katrin zwei der Termine fährt, für welche ich mich ursprünglich eingetragen hatte und welche ich auch bekommen hätte, wenn unsere Vorgesetzte mich nicht mit Jenny verwechselt und ihr die Termine zugeteilt hätte. Und Jenny versucht nun plötzlich die “Neutral wie die Schweiz“-Taktik und hält sich schön aus der Sache raus. Das merke ich mir, wenn es das nächste Mal eine Situation gibt, in welcher ich für die anderen Studenten gerade stehen muss und die Verantwortung für Sachen übernehme, weil die anderen zu feige sind. Dann halte ich mich auch aus der Sache raus und sage nichts mehr dazu, die anderen kümmern sich ja auch nur um sich selbst. Schließlich ging es Jenny auch nur darum, dass sie an den zugeteilten Terminen nicht kann und Katrin war so lieb, mit ihr zur Chefin zu gehen und die Sache zu klären. (Obwohl es teilweise auch um meine Termine ging, also hätte ich es schön gefunden, wenn die beiden mich miteingebunden hätten, denn so finde ich mich jetzt einfach übergangen) “Du kannst ja Katrin fragen, ob du einen Termin von ihr übernehmen kannst“ – einen Scheiß kann ich ! Die beiden meinten, die Sache ohne mich zu klären, dann soll sie von mir aus die beiden Termine fahren. Ich hoffe, es ist richtig viel los und Lars tritt ihr mal ordentlich in den Arsch, damit sie anfängt was zu schaffen ! Da kenne ich ja nichts, in so einer Situation kann ich stur wie ein Bock werden.

 

Das war mal wieder alles zu viel für mich. Ich werde extrem schnell reizbar und könnte gerade auf irgendwas einschlagen, so aggressiv bin ich – aber es ist wirklich zum bekloppt werden, wenn man sich monatelang so viel Mühe mit einem Projekt gibt, nicht nur mit den Ansätzen sondern auch mit der schriftlichen Arbeit, als Erste morgens kommt und als Letzte abends geht – und dann wird das überhaupt nicht Wert geschätzt vom Betreuer. Wenn es hier um die Ausbesserung von inhaltlichen Fehlern oder kleinen Formulierungen ginge würde ich es voll verstehen, doch heute hatte ich das Gefühl, es wird einfach auf Teufel komm raus irgendetwas umgestellt, damit es sich angeblich besser liest oder wissenschaftlicher anhört. – Die wenigen Abschnitte, an denen wir bis jetzt gearbeitet haben, sind so zerstückelt…das liest sich überhaupt nicht mehr !

Ich traue mich schon gar nicht mehr, einen späteren Drucktermin zu vereinbaren, weil ich befürchte, ich muss ihn wieder absagen. “Zum Glück“ habe ich die Thesis recht früh angemeldet, somit ist die entgültige Abgabefrist am 22. August. Vielleicht nimmt er wenigstens dieses Datum ernst und wir kommen bis dahin durch, ansonsten fliegt ihm die komplette Thesis um die Ohren. Ich bin lange still, lasse Vieles über mich ergehen und denk mir meinen Teil – aber irgendwann ist Schluss, dann ist die Grenze überschritten. Er hatte mehr als genug Zeit, alles durchzulesen und wir sind schon zwei Mal jeweils eine Woche nach hinten gerutscht, weil wir nicht vom Pfleck kommen. Und mit seiner unfassbar gelassenen Einstellung bewegt er sich auf ganz dünnem Eis bei mir, denn wenn das so weitergeht, dauert es nicht mehr lange, bis ich explodiere. Ich ertrage dieses ständige dumm rumsitzen und warten nicht mehr und unter der Korrektur verstehe ich, dass man die Arbeit von Anfang bis Ende durchgeht und nicht, dass man sich einen beliebigen Absatz raussucht und den durch den Fleischwolf dreht. Ich war auch immer ein “Auf den letzten Drücker Kind“, doch ich wusste, wann ich mich zusammenreißen musste – und wenn es nötig war, an einem Tag 15 Stunden an dem Projekt zu arbeiten, dann habe ich das auch gemacht. Klar, mein Betreuer hat viel zu tun und ständig will ein Labormitarbeiter etwas – aber es ist trotzdem traurig, wenn selbst Kaffee trinken mit einer ehemaligen Absolventin wichtiger erscheint, als innerhalb von zwei Monaten knapp 90 Seiten durchzublättern.

Durchhalten, denn irgendwann passiert auch wieder etwas Gutes !

Die letzte Woche war die reinste Achterbahn. Am Montag dachte ich noch, sich vor einen Zug zu stürzen wäre eine ernst zu nehmende Alternative und am liebsten wäre ich bei Opa – bereits einen Tag später kam dann der Lichtblick. Denn während mir mein Betreuer erst eindringlich geraten hatte und fast schon auf mich einredete, auf keinen Fall nach dem Bachelor aufzuhören und eine TA Stelle anzunehmen, so erzählte er mir dienstags, er habe noch einmal nachgedacht und es wäre ja auch möglich, eine halbe Stelle zu suchen, um erste Berufserfahrung zu sammeln und dual zu studieren. Ein Weg, der mir sehr gut gefiel. Klar würde das auch sehr wenig Freizeit bedeuten, doch so könne ich endlich den geregelten Altag in einem Unternehmen kennen lernen, dabei aber trotzdem noch den Master machen, so wie es mir von allen Seiten ständig geraten wird. Mein Betreuer vermittelte mir sogar noch den Kontakt zu einem befreundeten Laborleiter, welcher mich für nächste Woche zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen hat. Eine offene Stelle gäbe es zwar nicht zu besetzen, doch er würde mir ganz unverbindlich das Labor zeigen und dann könnten wir in einem Gespräch schauen, ob eine gemeinsame Zukunft möglich wäre. Außerdem hat mein Betreuer noch einen anderen Kontakt in einem Labor, wo er nachfragen könnte, ob die Möglichkeit eines dualen Masters möglich wäre. Zusätzlich bekam ich eine weitere Mail von einer Leih- und Zeitarbeitsfirma, bei welcher ich mich halbherzig beworben hatte. Eigentlich hatte ich kein Interesse mehr an dem Unternehmen, doch ich gehe trotzdem morgen zu dem Gespräch – auch wenn es nur ist, damit ich erste Erfahrungen im Vorstellungsgespräch sammeln kann. Die Krönung war, als mir dann noch ein Qualitätslabor der Lebensmittelbranche mitteilte, es gäbe doch eine Vakanz und sie würden mich sehr gerne zu einem Bewerbungsgespräch einladen. Als ich mich vor ein paar Wochen beworben hatte hieß es noch, sie hätten keine Stelle zu vergeben, doch anscheinend könnte ich jetzt doch Glück haben. – Während die Zukunft vor ein paar Tagen also noch in den Sternen stand und ich Angst hatte, nie einen Job zu finden und erst einmal arbeitslos Zuhause bei meinen Eltern festzusitzen, hat sich das Blatt innerhalb von drei Tagen komplett gedreht und nun habe ich neuen Mut bekommen.

Mit der Thesis läuft es nicht ganz so gut und in der letzten Woche kam ich nicht weiter, weil die Auswertesoftware nicht funktionierte und nach 4 Sekunden den Dienst verweigerte. Aber ich bin trotzdem noch positiv eingestimmt, dass ich rechtzeitig fertig werde. Die vorletzten Daten habe ich heute fast fertig auswerten können (was bei einer Außentemperatur von 37 °C und mindestens das Doppelte im Büroraum nicht leicht war) und ich habe mir vorgenommen, dieses Wochenende wirklich mal etwas daran zu arbeiten. Somit bliebe meinem Betreuer und mir eine ganze Woche zur Korrektur, bevor das Werk an meine Professorin geht und gedruckt wird. Dann habe ich zwischen den ganzen Bewerbungsgesprächen und Typisierungsterminen eine Woche Zeit, um mich auf das Kolloq vorzubereiten und dann bin ich auch schon durch mit dem Bachelor. Wahnsinn, wie die Zeit nun auf einmal vergeht. In den letzten Zügen zur Zielgeraden habe ich angefangen, ein wenig herumzudümpeln und mir die Zeit mit Jenny im labor zu vertreiben, doch nun wird es plötzlich ernst.

Ein Urlaub würde das Ganze natürlich perfekt machen, also habe ich ein bisschen mit Jenny phantasiert und wir haben nach Surfcamps und billigen Flügen geschaut, die möglichst keine 15 Stunden dauern und zwei Zwischenstops einlegen. Denn mit Bianka möchte ich wirklich nicht mehr verreisen. Auch wenn ich das Surfen an sich total toll fand und das Camp klasse war…ich halte es keine ganze Woche mehr mit jemanden aus, der immer nur im Mittelpunkt stehen will und dem es egal ist, wenn ich fast ertrinke oder wie ich nach einer durchgefeierten Nacht heimkomme. Ich bin mir sicher, dass Jenny und ich einen tollen Urlaub haben könnten, denn wir verstehen uns momentan wirklich toll…vielleicht schon etwas zu gut.

Heute hatte Yannik sein Kolloq und wir haben zum Abschluss alle zusammen in der Gemeinschaftsküche ein Bierchen getrunken. Nach kurzer Zeit konnten Jenny und ich gar nicht mehr aufhören, in Erinnerungen an das erste Semester zu schwelgen und uns lachend daran zu erinnern, was wir schon alles trauriges gekocht und gegessen haben oder welche Krisen wir schon gemeinsam durchlebt haben. Wir sind einfach auf einer Wellenlänge und verstehen uns wirklich gut – auch wenn ich akzeptieren musste, dass wir nie mehr als Freunde sein werden. Manchmal stimmt mich das traurig und ich wünsche mir, ich würde doch noch mein Happy End bekommen…doch eigentlich habe ich längst akzeptiert, dass dies nie eintreten wird – zumindest nicht mit ihr. Und das kann ich ihr auch nicht verübeln, ich habe mich ja selbst oft genug gefragt, warum ich den Kerl nicht einfach zurücklieben kann, doch es ging einfach nicht. Somit kenne ich also die andere Seite der Medaille und wenn da nicht mehr als Freundschaft ist, nehme ich das mittlerweile so hin. An manchen Tagen fällt das schwerer und ich muss mich erst wieder zurück auf den Boden der Tatsachen setzen, nachdem wir zum Beispiel einen tollen Ausflug in Trier hatten oder Urlaub geplannt haben. Aber auch bei dem Urlaub – ich habe dadurch keine falschen Hoffnungen bekommen, dass uns die Woche im Surfcamp vielleicht zusammenbringen würde sondern ich wollte doch einfach nur eine tolle Zeit mit einer Freundin verbringen. Gemeinsam surfen, abends mit einem kühlen Bierchen in der Hängematte chillen, vielleicht mal eine Nacht durchfeiern mit den andern vom Camp…das war alles was ich mir erhofft hatte. Nur leider habe ich es wohl heute ein wenig übertrieben, als ich ihr nach dem geselligen Beisammensitzen geschrieben habe, wie erleichtert ich war, dass wir uns wieder so gut verstehen und dass ich mir wünschen würde, wir könnten diese Freundschaft aufrecht erhalten. Als ich meinte, es würde mir manchmal schwer fallen, mit meinen Gefühlen umzugehen und zu akzeptieren, dass wir nicht mehr als Freunde werden, schrieb sie mir zurück, dass sie an meiner Stelle eher auf Abstand gehen würde und es einfacher fände, mit der betreffenden Person nicht so viel Kontakt zu haben, um keine falschen Hoffnungen zu wecken.

Vielleicht hat sie recht damit, aber es ist immer noch meine Entscheidung, wie ich mit der Sache umgehe – und ich finde es angenehmer, eine beste Freundin zu haben (die mir jeder Zeit erneut das Herz brechen könnte, weil ich sie nie ganz überwunden habe) als Abstand von jemand zu nehmen, den ich dann genauso schmerzlich vermisse. Ich bin überzeugt davon, dass es möglich sein wird, einfach nur gut befreundet zu sein – aber gerade durch ihre letzte Nachricht habe ich das Gefühl, zu viel von meinem inneren Chaos preisgegeben zu haben und dass ich sie dadurch verschreckt habe. Dabei wollte ich doch einfach nur ausdrücken, dass es für mich manchmal nicht leicht ist, uns nur als Freunde zu sehen, doch dass ich auf jeden Fall dazu bereit bin, es zu versuchen, weil mir die Freundschaft zu ihr viel bedeutet….und weil ich einsehen musste, dass ich keine Chance haben werde und aus der Geschichte von damals gelernt habe.

 

Warum ist es für mich nur so unglaublich schwer, Freundschaften zu schließen bzw zu halten ? Ich hatte in der Zeit am Campus sehr gerne Kerle um mich rum, das war für mich nie kompliziert…zumindest von meiner Seite aus nicht. Aber während ich nur zocken, Filme gucken oder mal was spielen wollte, entwickelte leider auch mehr als nur ein Kerl Gefühle für mich und meistens ging das nicht gut aus. Die einzige Chance, diese Freundschaft aufrecht zu erhalten, bestand darin, dass er recht bald eine neue Flamme fand und mit ihr zusammenkam. Dann konnten wir einfach nur befreundet sein und es standen keine Gefühle mehr im Weg…oder man blieb auf der Strecke, weil es nun eine wichtigere Person im Leben gab. Entweder oder. Aber mit Mädels war es noch viel schwieriger, Freundschaften zu haben. Entweder blieb ich auch hier auf der Strecke, weil ein neues Schatzi ins Leben trat und ich ab diesem Moment nicht mehr wichtig war oder ich bekam ständig unter die Nase gerieben, wie glücklich sie mit ihrem Freund doch ist. Mit Jenny war es anders, da hatte ich zumindest unter der Woche das Gefühl, ihr sehr wichtig zu sein…ihre erste Person würde ich aber auch nie werden und mittlerweile ist es so, dass ich mich von Mädels distanziere, sobald ich merke, dass ich ernsthaftes Interesse bekomme. Eine Mauer, die ich mir selbst gebaut habe und hinter welcher ich mich nun verstecke, um nicht verletzt zu werden. Nur wurde diese Mauer errichtet, nachdem Jenny mein Leben ordentlich aufgemischt hatte und ich kann sie nicht vor die Tür setzen, dafür mag ich sie zu gerne. Ob das die richtige Entscheidung ist weiß ich nicht, aber eine andere Wahl habe ich nicht, denn als ich den Kontakt mit ihr abgebrochen habe ging es mir kein bisschen besser.

 

Mal schauen, wie sie in den nächsten Tagen auf mich reagieren wird, nach diesen langen Textnachrichten. Ich hoffe einfach, dass ich mich irre und dass diese Nachrichten nicht wieder alles zerstört haben, was sich in den letzten paar Wochen wieder entwickelt hat. Können wir nicht einfach gut befreundet sein, ganz ohne Drama ?

Heteronormativer Bullshit

Ich muss mal wieder meinem Ärger Luft machen.

Bis eben war alles toll und ich habe mich sehr gefreut, als ich das mysteriöse Päckchen geöffnet habe, welches meine Mutter mir überreichte. Es stand zwar mein Name drauf, doch ich hatte nichts bestellt und auch meine Eltern wussten von nichts. Also habe ich es ganz verdutzt geöffnet…und strahlte im nächsten Moment über beide Ohren, als ich das kleine Lego BrickHeadz Set von Harry und Hedwig sah. Schon seit Wochen redete ich von den neuen Lego Harry Potter Sets und verfolgte alle möglichen Internetforen mit News, um nichts zu verpassen. Meine Eltern wussten davon, doch sie versicherten mir, das Päckchen nicht bestellt zu haben. Ein kurzer Blick auf den Lieferschein verriet mir, dass Felix der Absender des geheimnisvollen Geschenkes sei. Im Nachhinein ergab das Sinn, denn wer sonst hätte mir Lego schenken sollen als die Person, mit der ich mich noch vor zwei Wochen abends zum Eis essen getroffen und fast ausschließlich von den neuen Lego Sets geschwärmt hatte. Und schließlich ist er auch ein großer Bauer und Sammler, also hätte ich es mir eigentlich von Anfang an denken können. Egal. Ich war jedenfalls überglücklich und fing sofort an, die beiden Figuren zusammenzubauen. So saß ich freudestrahlend im Schlafanzug auf meinem Sofa, blätterte die Anleitung durch und suchte in den eingeschweißten Beuteln nach den passenden Teilen. Natürlich nicht, ohne vorher Felix vollzutippen, wie begeistert ich doch war und dass ich niemals damit gerechnet hatte und womit ich dieses Geschenk überhaupt verdient hatte.

Auch in Whatsapp wollte ich meine Begeisterung teilen und so schrieb ich unter das Bild mit dem Karton “Ich hab den besten Freund der Welt“ und schickte es ganz unbedacht als Statusmeldung ab…es dauerte keine fünf Minuten, und mein Grinsen verschwand, als mich meine Cousine nach einem kurzen Gespräch fragte, von wem das Päckchen denn sei und als ich “von Felix“ schrieb kam ein “Oh toll, ihr beide seit zusammen ?“ mit zehn Smilies. “Nope“ mit drei Lachsmilies war meine Antwort…obwohl mir nicht wirklich zum Lachen war.

Warum ist es in der heutigen Gesellschaft immer noch unmöglich, einfach “nur“ einen besten Freund zu haben und diesen auch so zu nennen, anstatt immer Kumpel zu sagen, damit auch der letzte Pfosten versteht, dass man nicht zusammen ist. Aber jedes Mädel (das 100% straight ist) redet ständig von IHRER Freundin und niemand wundert sich auch nur. Ich hätte also ruhig schreiben können, dass ich die beste Freundin auf der Welt habe und niemand hätte mich gefragt, ob ich nun eine Beziehung habe, denn bei dieser Aussage ist allen sofort klar, wie es gemeint ist. Und da rede jemand von Gleichberechtigung-

Ich weiß es sind Kleinigkeiten, worüber ich mich hier aufrege…und den meisten Menschen würde es überhaupt nicht auffallen. Doch ich finde es ungerecht. Mein Glücksmoment wurde zerstört, nur weil ich von meinem besten Freund ein nachträgliches Geburtstagspäckchen bekam und anstatt dass sich meine Freunde und Bekannten für mich freuen (von all den Vorwitznasen die mich angeschrieben haben gab es übrigens kein Geschenk, das mal so nebenbei erwähnt), musste ich mich als Erstes zu meinem Beziehungsstatus äußern und mich anschließend für meine unüberlegte Formulierung rechtfertigen.

Da wird einem ein weiteres Mal unter die Nase gerieben, dass man nicht wirklich in diese Gesellschaft reinpasst und irgendwie dann doch anders ist bzw. anders denkt. Denn ich hatte ganz offensichtlich keine Hintergedanken, als ich diesen Status gepostet habe, da mir sofort klar war, dass Felix “nur ein Kumpel“ ist. Ich mag ihn sehr, wir kommen gut klar – ich vermisse unsere wöchentlichen Spieleabende – aber er ist halt einfach “ein“ Freund mit dem ich gerne Zeit verbringe, und nicht “mein“ Freund mit dem ich eine Beziehung führe. Kompliziert zu schreiben, ich weiß. Aber die jetzige Aktion zeigt ja, dass man auf jede Kleinigkeit in der Formulierung achten muss, sonst muss man sich mit dummen Gesprächen rumschlagen und manche wittern gleich eine Beziehung.

…ich wünschte, ich hätte einen LGBT Freundeskreis. Ein paar Mädels, die meine Interessen teilen (nicht nur das Interesse an Brüsten sondern auch an Serien, Reisen, Abenteuern, draußen sein,…) und mit denen ich ganz offen über alles reden kann. Es ist nicht so, dass Maria und Bianka etwas gegen meine Sexualität haben…besonders angetan sind sie aber auch nicht davon und man stößt gerne auf Desinteresse bei allem, was nicht Hetero ist. Bianka sagt immer nur, dass ich mir eine Freundin suchen soll und Maria schwört ja auf Tinder (und wenn ich ihr erzähle, dass es im Umkreis von 100km dort 4 Mädels gibt, bekomme ich den glorreichen Tipp, einfach den Radius zu erweitern und alles wird gut…dass in 200km Umkreis aber schon Belgien, Luxenburg und Frankreich liegen und eines meiner wenigen, festgelegten Kriterien die barrierefreie Kommunikation ist verschweige ich jetzt mal, weil “Man kann aber auch kleinlich sein“).

Ein bester Freund wäre auch toll – am besten (ganz klischeehaft) ein Schwuler. In den letzten Jahren hatte ich immer mal wieder einen Kumpel..Litze ist nach einem tollen Sommer weggezogen und hat sich nicht mehr gemeldet – wir waren ja nur Freunde, sowas muss man nicht aufrecht erhalten. An der Uni war es die letzten Jahre auch schwer, Freunde zu finden, mit denen man einfach nur Filme gucken oder Spieleabende veranstalten konnte. Ich glaube, der einzige Grund, warum das bei den Veganern drei Jahre lang geklappt hat, war weil beide im Laufe des Studiums eine Beziehung begonnen haben und ich damit aus dem Schneider war…denn mit den männlichen Singles war es schwer, die Freundschaft zu erhalten, da sie irgendwann immer mehr wollten als Kinoabende, Bierchen trinken und Kartenspiele. :/

Die Babyparty letztes Wochenende war auch so ein tolles Event, um sich von der Gesellschaft ausgeschlossen zu fühlen. Bei Top Themen wie Hochzeit, Babies und Haus bauen fühlt man sich doch richtig wohl als 23jähriger Single mit ganz anderen Problemen. Ich hab dann mal den ganzen Abend damit verbracht, auf den bequemen Sitzsäcken im Schatten zu liegen, jede Menge Limonade zu trinken und mit geschlossenen Augen die Gespräche zu ertragen…wobei mir das Gesabber der Babies fast noch lieber war als die Urlaubsstory von Katrin – die mit ihrem Freund zwei Wochen lang in Kanada nichts anderes getan hat als zu fressen und zu shoppen. Und natürlich fing jeder Satz mit “Wir…“ an, wie könnte es auch anders sein.

….fuck my life, das ist doch alles scheiße. Ich wünschte, ich könnte meiner ganzen Verwandtschaft wenigstens endlich ins Gesicht klatschen, dass ich nicht auf “den Richtigen“ warte, um bald zu heiraten und Kinder zu bekommen. Das wäre schonmal ein Anfang und eine große Erleichterung, wenn dieses Geheimnis endlich herausplatzen würde. Doch ich traue mich nicht und bin feige… :/

Wir machen einen ‚Ausflug‘ zur Arbeit

Kurz nachdem Jenny mit ihrer Praktischen Studienphase bei uns in der Stiftung begonnen hatte habe ich ihr angeboten, sie könnte auch meinen Nebenjob dort übernehmen und auf DRK Termine fahren, um die Blutspender über Typisierung und Stammzellspende zu informieren. Natürlich hat sie das dankend angenommen und so kam es, dass meine Vorgesetzte mich eine Woche später ansprach und vereinbarte, dass ich ihr meine Vorgehensweise auf einem Termin zeigen und ihr alles erklären sollte. Ich hatte eigentlich kein Problem damit, sie anzulernen…aber der Termin war selten dämlich gewählt. Denn genau an diesem Abend wollte ich das Stiftungsauto über Nacht bei mir Zuhause stehen lassen und erst am nächsten Morgen zurückfahren, da der Termin bei mir in der Nähe war und ich mir somit einige Kilometer und damit verbundene Zeit sparen konnte. Aber nun stand das Problem im Raum, dass Jenny abends zurück zur Stiftung (bzw. zum Campus, aber das liegt ja sehr dicht beieinander) musste.

Meine Chefin bestand natürlich auf genau diesen Termin und das Einzige, was ich Jenny anbieten konnte war, sie könne ja bei mir übernachten, dann müsse sie nicht mit ihrem eigenen Auto hin- und zurückfahren. Wir hielten fest, dass wir das schon irgendwie hinbekommen würden und verabschiedeten uns ins Wochenende. Dieses nutzte ich ausgiebig zum putzen und aufräumen…nur um dann am Montag zu erfahren, dass es ihr lieber sei, mir mit ihrem eigenen Auto zu folgen und abends zurück zu fahren. Ob ich erleichtert darüber war oder nicht kann ich nicht sagen, verstanden habe ich ihre Entscheidung schon…aber das ganze Geputze hätte ich mir sparen können ^^

Dienstag war es dann soweit, unser ‚Ausflug‘ – wie sie es lustigerweise nannte – stand bevor und ich ließ mich von ihrer unglaublichen Vorfreude anstecken. So schnappte ich mir den Schlüssel und Fahrbefehl, erklärte ihr, wo sie die Autos fand und dann fuhren wir in Kolonne Richtung Heimat. Die Strecke kenne ich ja zur Genüge und normalerweise habe ich mit den Automatikautos der Stiftung immer ein hübsches Tempo drauf – doch dieses Mal hatte ich immer den Rückspiegel im Blick und schaute, ob der kleine schwarze Golf noch hinter mir fuhr. Mit der Zeit bekam ich ein Gespür dafür, so zu fahren, dass sie mir gut folgen konnte und so erreichten wir ohne Probleme gemeinsam das Parkhaus in der Nähe des Termins. Nach kurzem Gespräch mit dem Organisationsteam eilten wir wieder zurück und parkten die Autos um…ich verfahre mich ja meistens oder weiß nicht so 100%ig wo es hingeht, aber am Ende findet sich schon das Ziel.

Wir stellten uns also beim DRK Team vor, bekamen unsere Platz zugewiesen, schleppten die Sachen aus dem Auto und bauten alles auf. Ich zeigte ihr, wie ich die Sachen anordne und was alles wofür benötigt wird….und dann setzten wir uns an den Tisch und während wir auf die ersten Blutspender warteten wurde ohne Punkt und Komma geschnattert. Von ihrem Urlaub in Österreich zu meinem Surfurlaub, die Zeit nach dem Bachelor und die Schwierigkeiten bei der Jobsuche, wie sich ihr Freundeskreis in ganz Deutschland verstreute und meiner nur noch Haus bauen und Kinder kriegen im Sinn hatte. Wir redeten einfach über alles und zwischenzeitlich erzählte sie so leidenschaftlich und voller Begeisterung von den Drillingen, auf die sie regelmäßig aufgepasst hatte, dass ich mir plötzlich eingestand, dass Kinder bestimmt etwas Tolles sind, sobald sie sich auf den Beinen halten können und man was mit ihnen anfangen kann. Kurze Zeit zuvor hatte ich mich noch beschwert, dass meine Cousinen sich nicht mehr meldeten und nie Zeit hatten – plötzlich sah ich mich mit den Kleinen auf einem Spielplatz am gemeinsam rutschen oder schaukeln, drückte jemanden Buntstifte in die Hand oder las ihnen Harry Potter als Einschlafgeschichte vor. Selbst jetzt, wo ich das schreibe, bin ich noch fasziniert davon, wie schnell eine Person die Sicht auf Dinge verändern kann.

Auch erzählte sie mir von ihren ganzen Bewerbungen für die Thesis und wie sie überall nur Absagen bekommen hatte. Als sie dann die Zusage von meinem Betreuer bekam war sie überglücklich – auch wenn sie eigentlich nicht mehr zum Campus zurückwollte. Das kann ich gut verstehen, ich habe ja selbst das Gefühl, dass meine Zeit dort einfach vorbei ist. Aber wenigstens hatten wir einen Platz für die Thesis gefunden und das ist alles was zählt. Nachdem sie mir allerdings von ihrem katastrophalen Bewerbungsgespräch bei meinem Betreuer berichtet hatte und wie sie dann weinend im Auto saß und überlegte, die Stelle abzusagen, tat sie mir wirklich leid und ich fühlte richtig mit ihr. Ihr Bewerbungsgespräch war zwar assi, doch als sie in der nächsten Woche zum ersten Mal im Labor stand war alles ok und jetzt hat sie wenigstens andere Studenten, an die sie sich wenden kann und unser Betreuer hat auch mehr Zeit. Ich berichtete ihr zum Vergleich, wie allein und von dem Betreuer im Stich gelassen ich mich in den ersten zwei Monaten gefühlt hatte, weil der einzige andere Student ein Arsch war (und immer noch ist) und niemand sonst Zeit für mich hatte. Ich musste mich also alleine rumschlagen, selbstständig werden (und teilweise auch experimentierfreudig). Da kamen natürlich auch oft Zweifel, mich noch bei andere Firmen zu bewerben und zu hoffen – doch am Ende habe ich es durchgezogen und geschadet hat es mir nicht. Mittlerweile komme ich super mit dem Betreuer klar und er versucht immer, sich die Zeit für mich zu nehmen, was ich ihm hoch anrechne. Auch habe ich mir mit der Zeit ein großes Hintergrundwissen angeeignet und verstehe das Thema so viel besser, als wenn mir jemand einfach nur gezeigt hätte, was ich nun zu tun habe und das wärs gewesen. Es hatte also alles seinen Sinn und momentan fühle ich mich richtig wohl in der Stiftung…natürlich tritt dieses Gefühl erst ein, wenn meine Zeit sich dem Ende entgegen neigt :/

Naja, neben dem ganzen Gequarke und Gelache kamen dann auch noch ein paar Leute vorbei und ich fragte, ob sie Interesse an der Registrierung für eine potentielle Stammzellspende hätten und erklärte souverän, wie das ganze Verfahren abläuft und was in Zukunft auf sie zukommen könnte bei einem Treffer. Schließlich werden wir ja dafür bezahlt, die Stiftung zu vertreten und nicht nur fürs rumsitzen, quatschen und Brötchen essen am Schluss. Aber die Zeit ging trotzdem vorbei wie im Flug – so einen (gefühlt) kurzen DRK Termin hatte ich noch nie – und ehe ich mich versehen konnte waren die vier Stunden auch schon wieder vorbei und wir packten unsere Sachen.

Nach dem ‚Ausflug‘ bzw eher Einblick in meine Arbeit folgte anschließend noch eine kleine Einführung ins Automatikfahren. Schließlich musste sich Jenny auch daran gewöhnen und ich bot ihr an, mit zu mir zu fahren, dort ihr Auto abzustellen und dann würde ich ihr alles erklären und sie könne noch eine kleine Runde drehen. Gesagt, getan. Wir parkten also bei mir, sie stieg in den Ford Focus und ich zeigte ihr, wie sie das Auto zum Rollen bekam. Nach ein paar Minuten waren die Unterschiede zwischen Gangschaltung und Automatik verstanden und wir rollten vom Parkplatz. Ich lotste sie eine hübsche Strecke direkt an der Mosel entlang und sie war total begeistert von der Landschaft. Weinberge kenne sie ja auch von Zuhause, doch mit dem Fluss und den Radwegen oder Landstraßen direkt daneben wäre es wunderschön. So unterhielten wir uns die restliche Fahrt über unsere jeweilige Heimat, meine Verbundenheit zum Moseltal und warum ich mir nie vorstellen könnte, für immer wegzuziehen. Außerdem lud ich sie ein, sie könne mich gerne Anfang September besuchen kommen und dann würden wir zu einem der größten Weinfeste in der Region fahren und uns abends das Feuerwerk über der Mosel anschauen. Mit meinen Cousinen habe ich das all die letzten Jahre gemacht, seitdem ich 16 oder so bin. Selbst als ich noch gefühlt jede freie Minute am Wochenende gekellnert habe war ich dort mit ihnen – doch so wie die Dinge momentan auseinanderlaufen habe ich keine großen Hoffnungen, dass wir wie in alten Zeiten hinfahren und so hätte es mich gefreut, ihr das Fest und die historische Altstadt zu zeigen…doch leider wird daraus nichts, denn wie ich später erfahren habe ist dies ihr Geburtstagswochenende und da sich ihr Freund extra frei genommen hat bis zu ihrem eigentlichen Geburtstag dienstags werden die beiden wohl ein verlängertes Wochenende unternehmen und planen, tauchen zu gehen. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn das geklappt hätte. Ich hätte wenigstens versucht, meine Cousinen zu animieren (die sich schon seit Wochen mal bei mir melden wollen wenn sie Zeit haben aber es nie tun) und dann hätten wir einen schönen Abend gehabt. Aber ok, da habe ich mir direkt wieder zu große Hoffnungen gemacht und bin es nun selbst Schuld, dass ich enttäuscht bin. Das ist schließlich genau das, was selbst meine Omi schon meinte. Sie wünscht sich eine Freundin für mich, die keinen Freund hat. (Auch wenn Omi das vielleicht ein wenig anders definiert als ich feier ich sie trotzdem dafür, dass sie es genau so gesagt hat und stimme ihr vollkommen zu ^^) Schließlich stehen Beziehungen immer an erster Stelle und heutzutage scheint es unmöglich, eine gute Freundin zu haben, die sich wirklich kümmert, obwohl sie einen Freund hat. Das sehe ich zumindest in meinem Freundeskreis. Bianka lässt mich alleine auf der Achema rumwuseln, weil sie die Stände mit ihrem Freund erkundet, Maria bringt ihren Kerl zum geplanten Mädelsabend mit…selbst bei Angela gab es nach kurzer Zeit nur noch ein breiartiges “Wir“. So ist das eben – und als Single bleibt man da traurigerweise immer auf der Strecke.

 

Davon mal ganz abgesehen (und wieder zurück zum eigentlichen Thema) hatten wir trotzdem einen tollen Tag. Anfangs war ich sehr nervös, da Jenny sich sichtlich auf den Tag freute und ganz aufgeregt war. Ehrlich gesagt glaubte ich nicht, dass ich ihren Erwartungen gerecht werden könne…doch im Nachhinein betrachtet war es einer der besten Termine, die ich je gefahren bin. Von den DRK Terminen definitv der Beste! Da sitzt man normalerweise nämlich nur alleine rum, mit etwas Glück sind die Leute an der Anmeldung gesprächig und ganz nett – aber meistens sitzt man nur seine Zeit ab, wartet und hofft, dass jemand Junges vorbeischaut, der noch nicht bei DKMS registriert ist und das wars dann. Doch heute hatte ich richtig Spaß an der “Arbeit“ und obwohl wir die ganze Zeit gequatscht haben konnte ich ihr nebenbei meine Aufgaben zeigen und wir haben vergleichsmäßig viele Proben bekommen. Die ganze Aktion war also ein voller Erfolg 🙂

…und vielleicht kommt sie mich im August auf einem DRK Termin in ihrer Heimat besuchen und leistet mir Gesellschaft, das wäre toll 🙂

When you had a connection with someone…oder: Warum sitzen wir immer zusammen im untergehenden Schiff ?

So, hier ist nun ein kleines Update zu der Situation in der Stiftung. Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, groß noch etwas zu dem Thema zu schreiben, dass ich mir nun das Büro mit meiner ersten Liebe teile. Ihre Woche Schnupperpraktikum lief gut, also fängt sie am Montag bei uns mit ihrer praktischen Studienphase an. Mir macht das nicht annähernd so viel aus wie anfangs gedacht. Wir unterhalten uns in den Pausen oder ich erkläre ihr zwischendurch Teile meiner Arbeit und zeige ihr, was alles noch auf sie zukommt – es ist so unglaublich einfach, sich wie in alten Zeiten mit ihr zu unterhalten. Doch dieses Gefühl, das mich damals so überfordert hat und das ich zu diesem Zeitpunkt nicht einordnen konnte, ist verschwunden. Zurück bleibt nur alte Vertrautheit – und das ist auch gut so 🙂

Allgemein hätte ich bis gestern gesagt, dass wir ein recht neutrales Arbeitsverhältnis zueinander haben. Man spricht halt in der Stiftung miteinander, aber das wars auch schon. Wie gesagt, bis gestern. Denn da schickte sie mir Hundebilder von ihrem neuen Welpen, welchen die Familie nun adoptiert hat. Und daraus entstand heute ein zweistündiges Getippe über Zukunftsängste und die Frage, was wir eigentlich mit unserem Leben anfangen wollen. Sie fragte mich, wie mein Plan nach der Thesis aussähe und ich antwortete ihr wahrheitsgemäß, dass ich naiverweise gedacht hatte, ich würde Dank der ganzen Connections und dem guten Praktikum bei der Braugruppe enden und dort zumindest einen Jahresvertrag bekommen. Doch Vitamin B hat mir ja noch nie geholfen und der einzige Fall, in dem ein Erfolg verzeichnet werden konnte, war in Ihrem. Durch ein kurzes Gespräch mit meinem Betreuer konnte ich ihn davon überzeugen, ihr eine Chance zu geben und am Ende ging alles gut für sie aus und sie bekam den Thesisplatz. Nur bei mir selbst funktionierten Connections natürlich nicht und nach einem langen hin und her, wie und bei wem ich mich nun bewerben sollte, bekam ich innerhalb von drei Tagen eine standardmäßige Absage – sie hatten meiner Bewerbung also überhaupt keine Chance gegeben und mich nicht einmal in Erwägung gezogen. Somit wurde mein Plan, bald im Zentrallabor zu arbeiten und mir meine eigene kleine Wohnung einzurichten, zunichte gemacht und diese Erkenntnis erschütterte mich, da ich noch keinen wirklichen Plan B habe. Mein Betreuer könnte mir vielleicht einen Job im Außendienst vermitteln, dann würde ich quer durch Deutschland fahren, Labore kennen lernen und im direkten Kundenkontakt Pharmaprodukte vermarkten. Würde ich nach drei Jahren als Kellner wohl hinbekommen, schließlich habe ich keine Angst davor, mit Menschen zu reden…aber will ich wirklich als nuttige Staubsaugervertreterin arbeiten ? Schließlich hat mein Betreuer gleich gesagt, dass ich niemals einen unbefristeten Vertrag bekommen werde, solange ich noch im “gebärfähigen“ Alter bin (ich hasse dieses Wort, da könnte ich jedes Mal kotzen wenn ich das höre). Diesen Job überlasse ich dann doch lieber anderen, die dafür besser geschaffen sind und ein passendes Eyecandy abgeben. (Sprich, Menschen die weniger im Kopf und dafür mehr an besser sichtbaren Körperstellen haben, das kommt bei Verkaufsgesprächen immer gut).

Wir schrieben also darüber, dass wir vielleicht irgendwann in der Zukunft einen Master machen wollen, aber erst nach ein paar Jahren Berufserfahrung. Diese sei allerdings sehr schwer zu erlangen, da die Stellenanzeigen nichts hergeben. MTA/PTA/CTA/(Hier beliebigen ersten Buchstaben einfügen) werden überall gesucht, doch dafür fühle ich mich überqualifiziert und wie meine Professorin treffend sagte habe ich keine drei Jahre lang studiert, um am Ende den ganzen Tag stumpf zu pipettieren. Dann hätte ich auch eine Ausbildung machen können – am Besten noch in einem Betrieb, der mich anschließend für eine gewisse Zeit übernimmt. Dann hätte ich mir wenigstens keine Gedanken darüber machen müssen, einen Job zu finden. Doch wer konnte auch ahnen, dass man als Bacheloranwärter nicht mal einen Thesisplatz bekommt und es überall Absagen gibt, sobald man sich auf ein Praktikum unter einem halben Jahr bewirbt. Es werden einem also von allen Seiten Steine in den Weg gelegt und somit ist es kein Wunder, das wir beide nun überfordert mit der Situation sind und nicht wissen, wohin uns die Reise führen wird und was die Zukunft noch bringt.

Es ist ein Elend – doch am Ende konnte ich nur drüber lachen, dass ich in zwei Monaten arbeitslos sein werde und noch keine Aussichten auf einen Job habe. Denn das Lustige an dieser Geschichte ist, dass Jenny und ich immer in den Momenten zueinander finden, wenn wir beide in einer aussichtslosen Phase in unserem Leben stehen, auf die wir uns zu dem Zeitpunkt keinen Rat wissen. So auch dieses Mal. Auch wenn sie noch ein paar Monate mehr Zeit hat, einen Job zu finden, so schauen wir doch beide in eine ungewisse Zukunft, haben nichts handfestes in Aussicht und wissen beide nichtmals, ob wir nun für den Rest unseres Lebens arbeiten wollen oder uns nach einem Jahr entscheiden, dass der Master der richtige Weg sei. Wie eine gewisse Kollegin im Labor ganz gut darstellt ist man nach zwei Jahren länger an der Uni noch lange nicht schlauer, doch es erhöht (unfairerweise) die Chancen auf eine Stelle.

Die Zukunft ist ein großes, beängstigendes Fragezeichen und wir sitzen wieder beide im gleichen Boot. Aus irgendeinem Grund sind wir wohl dazu bestimmt, mehr als nur einen Tiefpunkt in unserem Leben gemeinsam zu gehen ^^